Sichtbare und unsichtbare Narben

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Ihre ersten Jahre verbringt Vio, eigentlich Viola, im rumänischen Teil des Banats. Doch nach dem Sturz der Diktatur flieht sie im Jahr 1990 als Sechsjährige mit ihrer Mutter Rosalie, Vater Franz, Großmutter Margarethe und ihrem Großvater nach Deutschland. Obwohl Deutsch ihre Muttersprache ist, fällt es ihr nicht leicht, sich anzupassen und mit den Hiesigen mithalten zu können. Dennoch kämpft sie sich durch. Als junge Mutter gerät ihre Welt erneut ins Wanken: Nach einem Unfall trägt ihre zweijährige Tochter Sophie Narben davon. Wie soll ihr Kind mit diesem Makel ein glückliches Leben führen können? Dass Schönheit allerdings auch Ihre Schattenseiten hat, muss Theresia in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erfahren: Sie wird von Wien ins Banat verschleppt…

„Das schönste aller Leben“ ist der Debütroman von Betty Boras.

Eingeleitet mit einem Prolog, setzt sich der Roman aus kurzen Kapiteln zusammen. Erzählt wird auf drei zeitlichen Ebenen und aus mehreren Perspektiven. Dazu gehört auch eine ungewöhnliche Perspektive: die der „Banater Erde“.

Dass der Roman autofiktionale Elemente enthält, ist vor allem bei der Figur Vio ersichtlich. Sie wird mit viel psychologischer Komplexität und äußerst authentisch dargestellt. Ihre Gedanken und Gefühle lassen sich hervorragend nachvollziehen, ihr Verhalten ist durchweg stimmig. Auch die übrigen Charaktere werden lebensnah gezeichnet.

Auf der inhaltlichen Ebene beinhaltet die Geschichte drei zentrale Themenbereiche: Schönheit(sideale), Herkunft/Heimat und Mutterschaft. Dabei streift der Roman auch die Frage nach Identität, die Rolle von Migration und die Definition eines selbstbestimmten Lebens. Die Mischung verleiht ihm einen Facettenreichtum, ohne die Kapitel zu überfrachten. Immer wieder geht die Geschichte in die Tiefe, regt zum Nachdenken an und setzt feministische Impulse.

Auf den nur etwas mehr 230 Seiten kommt der Text ganz ohne Längen und Redundanzen aus. Die Handlung bietet einen Unterhaltungswert und bleibt bis zum Schluss glaubwürdig. Interessante historische Details fügen sich auf harmonische Weise ein.

Überzeugt hat mich auch die sprachliche Varianz der verschiedenen Perspektiven. Mal wirkt der Text fast poetisch, mal schnörkellos, aber immer eindringlich.

Das Covermotiv ist nicht nur hübsch, sondern mit der Spiegelung auch sehr durchdacht und thematisch passend. Auch der Titel ist eine gute Wahl.

Mein Fazit:
„Das schönste aller Leben“ ist ein gelungener und unbedingt empfehlenswerter Roman. Nach ihrem vielversprechenden Debüt ist zu hoffen, dass wir in Zukunft mehr von Betty Boras lesen dürfen. Ein Highlight im Frühjahr 2025!