Vielversprechend, aber unausgewogen - Roman über Herkunft und Schönheitsideale zwischen Tiefe und Längen

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annajo Avatar

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Ende der 1980er fliehen Vios Eltern mit ihr von Glogowatz in Rumänien nach Deutschland. Die Familie versteht sich als Deutsche, sind sie doch Nachfahren der “Banater Schwaben”: Deutsche, die im 18. Jahrhundert in Rumänien angesiedelt wurden, um diese nur dünn besiedelte Gegend nutzbar zu machen. Doch sie merken schnell, dass sie als Fremde betrachtet werden. Und nachdem Vio in ihrer Kindheit einige schwierige Erfahrungen machen musste, um einem Schönheitsideal zu entsprechen, dass ihr die Integration erleichtern sollte, hadert sie nun damit, dass ihre eigene Tochter durch ihre Unachtsamkeit Narben im Gesicht hat. Sie ergeht sich in Selbstvorwürfen und Schuldgefühlen, weil sie glaubt, dass ihre Tochter nun wohl nie vom “pretty privilege” profitieren wird, das ihrer Vorfahrin Theresia im 18. Jahrhundert nichts weiter als ein Leben in der rauen Einöde des Banats eingebracht hat. Auch die Banater Erde kommt in diesem Roman in kurzen Einschüben zu Wort.
Insgesamt bietet dieser Debütroman zahlreiche Denkanstöße. Es geht viel um Heimat, Herkunft und Verbundenheit. Eindrücklich schildert der Roman, welche Schwierigkeiten (Spät)Aussiedler:innen haben, sich in einer Kultur zurechtzufinden, die sie doch eigentlich als ihre eigene wahrgenommen haben. Stattdessen werden sie zurückgewiesen und ausgelacht. Gerade aus Vios Sicht wird deutlich, wie sehr sie sich schämt und versucht, sich von den Großeltern zu distanzieren, die an den alten Gewohnheiten und Einstellungen festhalten. Interessant ist, wie diese deutsche Minderheit überhaupt nach Rumänien kam, beispielhaft an Theresias erschütterndem Schicksal als entrechtete Waise und argwöhnisch betrachtete Frau dargestellt. Für mich stand der Herkunftsaspekt deutlich stärker im Vordergrund als das vielzitierte Schönheitsideal. Dieses fand ich nicht so tragend, außer im Handlungsstrang von Vios Ich-Perspektive, deren Selbstmitleid und einziger Fokus auf die unversehrte Schönheit ihrer Tochter auf Dauer leider ermüdend wurden, ohne etwas Neues zu bieten. Durch die Unterteilung der Handlungsstränge in Vios Kindheit und Vios Ich-Perspektive als Mutter hatte Vios Geschichte ein deutliches Übergewicht und Theresias Geschichte, die mehr Potential gehabt hätte, kam etwas zu kurz. Das Buch hätte etwas länger sein und lose Enden verknüpfen können. An einigen Stellen hätte eine Straffung gut getan, während an anderer Stelle mehr Tiefe toll gewesen wäre. Insgesamt ist “Das Schönste aller Leben” aber eine lesenswerte Geschichte einer Familie über die Zeit und Grenzen hinweg.