Voller Weisheit. Voller leiser, tiefer Gedanken

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„Zu viel Schönheit hat noch keinem Weib was Gut’s bracht.“ (S. 20)

Es ist fast ein kleines Familienepos, das Betty Boras hier auf rund 240 Seiten erzählt. Und doch ist "Das schönste aller Leben" weit mehr als die Geschichte einer einzelnen Familie. Es ist die Geschichte vieler Frauen. Frauen, die unter den Blicken anderer heranwachsen. Die lernen, sich selbst durch fremde Augen zu betrachten. Die hineinwachsen in eine Gesellschaft, in der eine schier untragbare Last von Erwartungen auf ihnen liegt.

Im Zentrum steht Vio, die in einem rumänischen Dorf im Banat aufwächst und als Kind mit ihrer Familie nach Deutschland geht – zurück in ein Land, aus dem ihre Vorfahren einst fortgingen. Migration ist hier kein einmaliger Akt, sondern ein Zustand. Ein Dazwischen, das sich durch Generationen zieht.
Vios Leben wird nicht eindimensional erzählt. Wir begegnen ihr aus auktorialer Perspektive sowie in unmittelbaren Ich-Kapiteln, die sie als erwachsene Frau und Mutter im Hier und Jetzt zeigen. Diese Gegenwart ist geprägt von einem Einschnitt, der kaum auszuhalten ist: einem Unfall, bei dem ihre kleine Tochter verletzt wird und Narben davonträgt. Vio gerät ins Wanken – als Mutter, als Frau, als jemand, die früh erfahren hat, dass Körper bewertet werden. Dass Schönheit Schutz verspricht und Abweichung bestraft wird. Sie weiß, wie es sich anfühlt, nicht nur sprichwörtlich im Korsett gesellschaftlicher Erwartungen festzustecken.

Parallel dazu öffnet der Roman den Blick weit zurück, bis ins 18. Jahrhundert. Dort begegnen wir Theresia, einer Urahnin Vios. An ihr wird mit aller Härte sichtbar, wie früh weibliche Körper kontrolliert, beurteilt, sanktioniert wurden. Theresia gerät ins Visier einer moralischen Ordnung, die Frauen auf Keuschheit, Gehorsam und Nützlichkeit reduziert – und verliert alles: ihre Rechte, ihre Freiheit, ihre Selbstbestimmung.

Es ist vor allem die Stimmung, die durch diesen Roman trägt. Schon der Prolog steckt voller schmerzhafter Wahrheiten, die kaum jemand ausspricht und doch so viele denken. Es geht um die Wertigkeit von Schönheit und Prestige. Um Aussehen versus Ansehen. Die Zuschreibungen sind klar verteilt.

Wie sehr sind wir das, was andere in uns sehen? Zu wem werden wir unter den Blicken anderer? Und wie früh beginnen wir, uns selbst zu kontrollieren?
Wir sollen schön sein. Von der Wiege bis zum Sterbebett.

"Das schönste aller Leben" ist ein Roman über Mütter und Töchter. Darüber, was sie einander sind. Was sie voneinander lernen. Und was sie – bewusst oder unbewusst – weitergeben. Für unsere Kinder wollen wir nur das Beste. Doch welchen Boden braucht Glück, um gedeihen zu können? Wie groß ist die Verantwortung der Eltern für das Glück ihrer Kinder? Und wie schwer wiegt die eigene Schuld, wenn es ihnen nicht gelingt?

Immer wieder verhandelt der Text die Frage nach Heimat und Verwurzelung. Von Wurzeln, an denen Heimaterde haften bleibt – egal, wie oft man sie verpflanzt. Davon, wie sehr wir ins Bild passen wollen – passen müssen –, um dazuzugehören. Wie ein kleiner Makel genügt, um ausgegrenzt zu werden. Es ist die Geschichte versehrter Körper und versehrter Seelen. Und vielleicht auch die eines versehrten Landes, dem Betty Boras eine Stimme gibt.
Es ist eines der klügsten Bücher, die ich je gelesen habe. Voller Weisheit. Voller leiser, tiefer Gedanken. Ich lege es euch mit aller Kraft ans Herz.