Gefährliche Art von Spannung

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lydia.srv Avatar

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Man merkt schon auf der ersten Seite: Das Signal will nicht schockieren. Es will sich langsam und unerbittlich in einen hineinbohren. Ursula Poznanski beginnt ihren Thriller nicht mit Blut, Verfolgung oder Action, sondern mit einem viel brutaleren Moment: dem Erwachen in einem Körper, der nicht mehr vollständig ist. Dieser Einstieg ist leise, intim und gerade deshalb verstörend.
Violas Verlust ihres Beines ist nicht nur ein medizinischer Zustand, sondern ein psychologisches Erdbeben. Die Autorin beschreibt diesen Moment nicht melodramatisch, sondern mit einer fast erschreckenden Nüchternheit. Genau das macht ihn so wirkungsvoll. Die Protagonistin reagiert nicht „richtig“, nicht filmreif. Sie denkt an ihre Schuhe, an Ästhetik, an ihren Mann. Das wirkt zunächst kalt, ist aber zutiefst menschlich. Poznanski zeigt hier eine Figur, die versucht, sich selbst vor dem emotionalen Zusammenbruch zu schützen, indem sie alles rationalisiert.
Besonders stark ist die Darstellung der Ehe mit Adam. Auf den ersten Blick ist er der perfekte, fürsorgliche Ehemann. Doch unter dieser Oberfläche liegt etwas Unheimliches. Sein Bedürfnis nach Kontrolle, nach Schönheit, nach Funktionalität sickert in jede Szene. Dass Viola selbst erkennt, wie sehr sie bislang Teil von Adams perfektem Bild war und wie sehr ihr verstümmelter Körper dieses Bild nun bedroht, gibt der Geschichte eine zweite, viel tiefere Spannungsebene. Man liest nicht nur einen Thriller, sondern auch das Protokoll einer emotionalen Abhängigkeit.
Die wahre Bedrohung ist zunächst nicht der eingestürzte Weinkeller, sondern die Frage: Was passiert mit einer Frau, wenn sie nicht mehr „nützlich“, „schön“ und „kompatibel“ ist? Poznanski verknüpft hier auf subtile Weise körperliche Versehrtheit mit gesellschaftlicher und partnerschaftlicher Wertung – und das macht den Text so beklemmend.
Hinzu kommt die wachsende Irritation: Violas Erinnerungslücken, Adams widersprüchliches Verhalten, sein Standort, der plötzlich geteilt wird, das ominöse Foto des Weinkellers, all das erzeugt ein leises, aber stetiges Misstrauen. Die Leseprobe funktioniert wie ein langsames Anziehen einer Schraube: Man merkt lange nicht, wie stark die Spannung bereits ist, bis man plötzlich kaum noch Luft bekommt.
Was diese Leseprobe von anderen Thrillern unterscheidet, ist ihre Perspektive. Hier geht es nicht um Täterjagd oder Rätselraten, sondern um Wahrnehmung. Um die Frage, wie viel von unserer Realität wir wirklich kontrollieren und wie leicht sie manipuliert werden kann, wenn wir körperlich und emotional geschwächt sind.
Nach diesen ersten Kapiteln will man nicht nur wissen, was passiert ist, sondern vor allem, wem man überhaupt trauen darf. Und genau das ist die gefährlichste Art von Spannung.