Wenn Vertrauen bricht – und jede Gewissheit ins Wanken gerät

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balileyolaf Avatar

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Schon der Einstieg von Das Signal von Ursula Poznanski ist erschütternd und extrem wirkungsvoll: Eine Frau erwacht im Krankenhaus – und weiß sofort, dass etwas Entscheidendes fehlt. Noch bevor sie begreift, was passiert ist, entsteht eine dichte Atmosphäre aus Kontrollverlust, körperlicher Fremdheit und innerer Leere. Der Moment der Erkenntnis, dass ihr ein Bein amputiert wurde, ist nüchtern, präzise und gerade deshalb so beklemmend.

Was mich besonders fasziniert hat, ist der psychologische Fokus der Erzählung. Der Text verweilt nicht bei Schockeffekten, sondern beobachtet genau, wie sich Wahrnehmung, Gedanken und Beziehungen nach einem traumatischen Einschnitt verschieben. Die Ich-Erzählerin Viola reflektiert klar, fast analytisch – und doch schimmert unter dieser Fassung eine tiefe Verunsicherung durch. Vor allem die Dynamik zwischen ihr und ihrem Mann Adam wirkt von Beginn an ambivalent: Fürsorge, Stolz, Kontrolle und unterschwellige Distanz liegen gefährlich nah beieinander.

Ein zentrales, hochspannendes Element ist das Thema Überwachung und Kontrolle. Als Adam seinen Standort dauerhaft freigibt, wirkt das zunächst wie Nähe und Fürsorge – doch schnell kippt dieses Signal in etwas Beunruhigendes. Die Frage, was Schutz ist und was Manipulation, zieht sich leise, aber eindringlich durch die Leseprobe. Gleichzeitig werfen die Erinnerungslücken rund um den Unfall erste Zweifel auf: War es wirklich nur ein Unglück?

Poznanski gelingt es meisterhaft, Spannung nicht durch Tempo, sondern durch psychologische Unruhe zu erzeugen. Jede Beobachtung, jede kleine Irritation fügt sich zu einem Gefühl wachsender Bedrohung. Das Signal verspricht keinen lauten Thriller, sondern einen, der unter die Haut geht und lange nachwirkt.

Ich möchte unbedingt weiterlesen, weil dieser Roman zeigt, wie fragil Sicherheit sein kann – und wie schnell Nähe zur Gefahr wird.