Ein großartiger historischer Abenteuerroman für Jugendliche!

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Mein Sohn (12) und ich haben von Davide Morosinotto bereits „Greta Grimaldi“ gelesen und uns daher sehr auf einen neuen Abenteuerroman gefreut. Der Autor verknüpft wie bei „Greta Grimaldi“ wieder ein reales historisches Ereignis mit Fiktion: Diesmal geht es um die sagenumwobene Fregatte HMS Hussar der britischen Flotte, die 1780 vor New York in der tückischen Meerenge „Hell Gate“ sank und der Legende nach große Mengen Gold an Bord hatte. Morosinotto siedelt seine Geschichte im Jahr 1927 in New York an und stellt fünf Kinder aus Little Italy in den Mittelpunkt, die im Gebüsch unter einer Brücke einen Toten finden, der eine Streichholzschachtel mit einer geheimnisvollen Zeichnung und dem Vermerk „HUSSAR“ sowie einen Schlüssel bei sich hat. Die fünf Freunde erkennen bald den Zusammenhang mit der HMS Hussar und sind elektrisiert: Ein riesiger Goldschatz! Doch sie sind nicht die einzigen, die die Truhen voller Edelmetall finden möchten, und so wartet ein spannendes und gefährliches Abenteuer auf sie.

Schon nach wenigen Seiten sind wir tief in die Atmosphäre der 1920er Jahre eingetaucht. Es herrscht die Zeit der Prohibition und Flüster-Kneipen, das Leben ist hart und für viele Menschen von Armut geprägt. Morosinotto beschönigt die Lebensrealitäten nicht, das wird gleich zu Beginn klar, als der Waisenjunge Rico seinen vier Freunden einen Toten zeigt, den er gefunden und bereits nach Wertsachen durchsucht hat. Der Grundton ist düster, die fünf werden im Viertel verächtlich als „Kakerlaken-Gang“ bezeichnet. Mario musste schon früh selbstständig werden. Er lebt allein bei seiner Mutter, die an Depressionen zu leiden scheint, und mit dem Alltag überfordert ist. Amys Familie ist aus Korea eingewandert und besitzt eine Flüster-Kneipe. Tommy wächst in einer Großfamilie auf und Lucy hat als POC mit Rassismus zu kämpfen. Die Figuren sind differenziert ausgearbeitet, der Schreibstil ist flüssig und lebendig.

Jedes der Kinder hat seine eigenen Probleme, doch sie halten fest zusammen, finden Kompromisse und stützen sich gegenseitig. Mut, Freundschaft und Loyalität sind daher auch zentrale Themen dieses Romans.

Parallel zur Haupterzählung wird aus der Sicht des Lotsen Bill Swan, eines ehemaligen Sklaven, die Zeit gegen Ende des 18. Jahrhunderts geschildert, die durch die Unruhen des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges geprägt war. Diese Erzählung ist kursiv gesetzt, so dass sie sich auch optisch vom Haupterzählstrang abhebt.

Aufgrund der schwierigen Themen wie Tod, Gewalt, Sklaverei, Rassismus und Kriminalität empfinde ich die Altersempfehlung von 12 Jahren als angemessen. Mein Sohn (12) war von der Geschichte richtig gebannt, und auch das Ende fühlte sich für uns rund an. Mit über 500 Seiten ist das Jugendbuch schon ein etwas dickerer Schmöker, doch aufgrund der konstant hohen Spannung, des flotten Erzähltempos und vieler überraschender Wendungen sind wir nur so durch die Kapitel geflogen! Wie schon bei dem Kaspar-Hauser-Roman (Greta Grimaldi) bieten die historischen Fakten tolle Anknüpfungspunkte für Diskussionen und haben uns dazu animiert, tiefer einzutauchen und weiter zu recherchieren. So wird Geschichte lebendig und greifbar!

Zuletzt möchte ich noch die außergewöhnliche Ausstattung erwähnen: Schon das Cover mit der Banderole (nur in der 1. Auflage) ist eine Augenweide und bildet eine Streichholzschachtel nach. Auch das Innere ist bemerkenswert aufwändig gestaltet: Jedem Kapitel ist eine ganzseitige Illustration vorangestellt, die beinahe wie eine Fotografie wirkt, voller kleiner Details steckt und für die man manchmal sogar ein bisschen recherchieren oder um die Ecke denken muss (zB für das abgebildete Buch „Five straws gathered from revolutionary fields“ gleich beim ersten Kapitel). Die Kapitelnummern sind zudem noch durch eine kleine Vignette verziert. Einziger kleiner Wermutstropfen: Laut Bildnachweis wurde für die Illustrationen und das Cover KI eingesetzt, nur die Überarbeitung erfolgte durch einen Illustrator. Da ich im Kunstbereich KI sehr kritisch sehe, würde ich mich freuen, wenn der Thienemann-Verlag zukünftig bei der Gestaltung wieder auf echte Menschen setzen würde – dann lieber mit etwas weniger üppigen Bildern.