Ein Orkan an Gefühlen

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laberlili Avatar

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„Das Verhalten ziemlich normaler Menschen“ hat mich schon während des Lesens so berührt, dass ich mir nebenher direkt einmal angeschaut habe, was K.J. Reilly schon sonst so geschrieben hat und da habe ich mich auch direkt angesichts eines noch verfügbaren Audible-Guthabens auf meinem Konto dazu verleitet gesehen, mir das Hörbuch zum Jugendroman „Words we don’t say“ (bisher wohl noch nicht übersetzt) anzuschaffen und während ich dieses Buch dann eben auf Deutsch zu Ende gelesen habe, habe ich zur gleichen Zeit den anderen Roman auf Englisch gehört – und wen „Das Verhalten ziemlich normaler Menschen“ zu begeistern wusste, der wird auch an „Words we don’t say“ sicherlich Freude haben.

Auch wenn der jugendliche Asher im „Verhalten ziemlicher Menschen“ als Hauptfigur auftritt, hat die tragende Rolle hier für mich doch der persönliche Umgang mit Trauer. Nach dem seine Mutter, bei einem durch einen betrunkenen Fahrer verursachten Autounfall, gestorben ist, findet sich Asher, inzwischen völlig aus der Bahn geworfen, erst in der einen Trauergruppe wieder und trotz allem Widerwillen besucht er sehr schnell gleich mehrere solcher Gruppen mit demselben Schwerpunkt, in denen er zunächst zwar immer sehr aufmüpfig auftritt, aber sich dann doch auch zu öffnen beginnt und vor Allem auch interessiert den weiteren Teilnehmenden gegenüber auftritt, zu denen sich sehr einzigartige Freundschaften entwickeln.

Ich mag es ja sehr, wenn grade in derlei Romanen (im Bereich der Erwachsenenliteratur war dies für mich auch ganz schön in „Mein drittes Leben“ von Daniela Kriens erkennbar) mittels Gesprächen mit Nebenfiguren deutlich wird, dass jeder Mensch seine eigenen Päckchen zu tragen und Schicksalsschläge zu verwinden hat und dass man nicht alleine mit solchen Erfahrungen ist, dass man weder der Erste noch der Letzte ist, der Verluste zu betrauern hat, und wie tröstlich es sein kann, sich da einfach mal auszutauschen und vor Allem: seine Gedanken auch mal rauszulassen.
In diesem Fall werden all diese Punkte besonders akut dargestellt, da die Figuren eben an diese Trauergruppen angebunden sind und doch auf ganz unterschiedliche Weisen betroffen sind, aber eben alle doch auch die gleichen Trauerphasen durchlaufen.

Dabei vermochte es der Roman, auch in mir ganz verschiedene Emotionen auszulösen, ob es nun eine gewisse Traurigkeit war, wenn ich mich an eigene Verluste erinnert sah, oder Freude ob einiger „Lichtblicke“ im Leben der Figuren, und zuweilen war ich auch sauer auf Asher, der, sich so nachvollziehbar seine Trauer und seine Wut auf den Unfallfahrer auch war, grade anfangs, vom Rachegedanken getrieben, auch Anderen gegenüber selbst absolut nicht korrekt verhielt: da dieser Punkt gleich zu Beginn aufs Tapet kommt, nehme ich da nun nicht groß was vorweg, wenn ich erzähle, dass Asher sich von seiner damaligen Freundin getrennt hat und nun online eine andere Persona kreiert hat, mit der er quasi die Tochter des Unfallverursachers scammt, auf die er vor Allem deswegen ebenfalls wütend ist, weil ihr Vater noch lebt. Also da wird Trauer, nebst Rachegedanken, auch sehr auf Andere projiziert und Menschen verletzt, die nicht direkt mit dem Todesfall in Verbindung stehen.

In „Das Verhalten ziemlich normaler Menschen“ findet nun ein Roadtrip statt, an dessen Ende Asher seiner Rache freien Lauf zu lassen vorhat, wobei dieses Vorhaben bei mir von Anfang an ein mehr als flaues Gefühl auslöste, denn in dieser Hinsicht verstand die Erzählart es vorzüglich, mir als Leserin mehr als deutlich vor Augen zu führen, wie festgefahren Asher in dieser Gedankenwelt war, dass er erstmal auch gar nicht berücksichtigte, dass sein Racheplan grad auch seinen kleinen Bruder, um den er sehr besorgt war, an eine ähnliche Stelle wie ihn führen könnte – oder eben die Kinder des Unfallverursachers.
„Das Verhalten ziemlich normaler Menschen“ wartet zum Ende hin noch mit einem kleinen Wendepunkt auf, wobei ich nicht weiß, ob ich den als überraschend bezeichnen soll, denn wirklich unerwartet kam der für mich nicht; das war prinzipiell etwas, mit dem man auch hatte rechnen können; Menschen, die sich aktuell in Trauer befinden, würde ich vermutlich nicht unbedingt zu diesem Buch raten, sofern sie nicht klar kommunizieren, dass sie es als hilfreich empfinden, über anderer Leute Umgang und Empfindungen mit und in diesen Phasen zu hören/lesen, denn hier sterben zudem auch einfach Alte, Junge, Kranke, Gesunde… und manche plötzlich, manche langwierig. In den Gesprächen der Trauergruppe(n) kommt da halt echt so ziemlich alles vor.

Generell ist es aber ein sehr nachdenklich machendes, bewegendes Buch, nicht nur für Jugendliche mit einer wichtigen Thematik und wie gesagt, wer diesen Roman dann gerne mochte, dem würde ich auch „Words we don’t say“ ans Herz legen, auch sehr berührend und aber mehr von inneren Monologen anstatt von Gespräch(sgrupp)en und einem stärkeren Fokus auf Freundschaft anstelle auf Trauer geprägt.