Wenn die eigene Vergangenheit plötzlich Kopf steht.

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renken Avatar

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Aufwühlende, psychologisch knifflige und spannende Reise. Ist meine Mutter die Frau, an die ich mich erinnern kann? Warum musste sie sterben? Und vor allem: An was davon, kann sich mein dementer Vater erinnern?

- Kernthema: Risse in der eigenen Vergangenheitswahrnehmung, familiäre Geheimnisse und Demenz
- Atmosphäre: Wechselbad der Gefühle, von Mitgefühl bis Abneigung
- Charaktere: gut gezeichnet, glaubwürdig, wenn auch etwas von der Rolle
- Spannung: Plotaufbau zieht den Leser mit, atmosphärisches Finale

Um was es geht:
Konfrontiert mit ihrer eigenen Unzulänglichkeit, dem ungeklärten Tod ihrer Mutter und der Demenz ihres Vaters, kehrt Hannah zurück in ihr Londoner Elternhaus. Als Hannahs Dad sie mit ihrer Mutter verwechselt, beginnt sie in die Rolle ihrer Mutter zu schlüpfen. Sie möchte mehr über den Tod ihrer Mutter erfahren und herausfinden, ob ihr dementer Vater etwas preisgeben wird. Aber Hannah öffnet das Tor in eine ungeliebte Vergangenheit, an die sie sich selbst in dieser Form gar nicht erinnern kann und andere Menschen lieber unausgesprochen lassen würden.

Mein Eindruck:
Liz Webb hat es geschafft, eine abgerundete Geschichte zu erzählen und glänzt mit dem Spiel die eigene Vergangenheit mit Rissen zu versehen und immer mehr verschwimmen zu lassen. Hannah entwickelt sich im Laufe des Buches, parallel zu dem, was sie über ihre Familie, ihre Mutter und ihren Tod herausfindet. Auch wenn sie die Rolle ihrer Mutter annimmt, um ihr Umfeld zu beeinflussen und ihr diese Rolle auf ihre Art gefällt, bleibt sie sich im Kern treu und zielgerichtet. Die Hauptfiguren werden allesamt durch ihre Eigenheiten und ihre Perspektive auf die gemeinsame Vergangenheit lebendig und fügen sich nahtlos in die Handlung ein.

Die Story entwickelt sich am Handlungsstrang entlang kontinuierlich weiter. Die Demenz ihres Vaters übt den notwendigen Zeitdruck aus, sich der Vergangenheit direkt zu stellen. Nach den ersten Hinweisen, dass etwas nicht stimmt, entwickelt man als Leser schnell den Wunsch den Geschehnissen auf den Grund zu gehen. Die Wendepunkte in Hannahs Geschichte sind direkt wahrzunehmen und
mitzuerleben.

Die Geschichte ist gut zu lesen. Der Schreibstil ist angenehm flüssig. Es entstehen kaum Längen oder Abschnitte, die nicht im direkten Zusammenhang mit der Geschichte stehen und sich fremd anfühlen. Liz Web nutzt die Quitte als Frucht, um ein Gefühl von Elternhaus und Kindheit, aber auch eine untrennbare, emotionale Bindung zwischen Hannah und ihrer Mutter in die Gegenwart zu transportieren. Dies hat mich sehr beeindruckt.

Mit fehlen allein ein wenig mehr Tempo und ein wenig mehr Tiefgang in die Psyche von Hannah und ihrer Familie. Auch die Rolle des dementen Vaters wäre für mich noch ausbaufähig gewesen. Trotz allem, bleibt es eine sehr runde Geschichte mit großartigen Figuren und einem geladenen Finale.

Als Randnotiz möchte ich „Himmelerdenblau“ von Romy Hausmann empfehlen. Hier taucht man sehr viel tiefer in das Thema Demenz und die verlorene Vergangenheit ein.

Mein Fazit:
Das Waldhaus kann ich sehr empfehlen, wenn man ein Faible für familiäre und menschliche Verwicklungen hat. Auch die Entwicklung von Hannah empfinde ich als mitreißend. Der Thriller lässt sich sehr gut lesen und ist durchgehend unterhaltsam. Für mich ist immer wichtig, dass nach dem Lesen etwas bleibt. Und hier ist es für mich die Frage, ob die eigene Vergangenheit wirklich echt und authentisch ist oder vielleicht nur eine von vielen Perspektiven.