Ein magisches Hotel voller Geheimnisse und verlorener Zeit

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nancy0705 Avatar

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In „Das White Octopus Hotel“ von Alexandra Bell begleitet man Eve Shaw, eine Kunstgutachterin in London, deren Leben aus den Fugen gerät, als ein geheimnisvoller alter Mann in ihrem Büro auftaucht. Er trägt den Namen ihres längst verstorbenen Lieblingsmusikers und scheint mehr über sie zu wissen, als möglich sein dürfte. Kurz nach dem Besuch stirbt er, doch seine rätselhaften Hinweise auf das „White Octopus Hotel“ lassen Eve nicht mehr los. Ihre Nachforschungen führen sie in die Schweizer Alpen zur Ruine eines verlassenen Hotels – und von dort plötzlich ins Jahr 1935, als das Hotel noch in voller Blüte steht.
Während einer geheimnisvollen Schnitzeljagd erkennt Eve, dass der Preis weit mehr sein könnte als ein Spielgewinn: vielleicht die Chance, ihre eigene Vergangenheit zu verändern und ihre Schwester zu retten.
Doch je tiefer sie eintaucht, desto mehr verborgene Wahrheiten kommen ans Licht.

Ich bin richtig gut in dieses Buch gestartet und war überraschend schnell durch, obwohl die Geschichte alles andere als leicht oder geradlinig ist.
Der Schreibstil hat mich von Anfang an abgeholt: sehr einfühlsam, atmosphärisch dicht und voller starker Bilder. Besonders die Beschreibungen des White Octopus Hotels sind der Autorin unglaublich gelungen. Ich hatte beim Lesen eine so klare Vorstellung von diesem magischen, geheimnisvollen und zugleich prunkvollen Ort, dass ich ihn am liebsten selbst einmal besuchen würde. Gerade diese Mischung aus Eleganz, Rätselhaftigkeit und unterschwelliger Bedrohung macht einen großen Reiz des Romans aus.

Eve als Hauptfigur konnte mich emotional schnell erreichen. Ihr Schicksalsschlag ist wirklich traurig, und ich habe stark mit ihr mitgefühlt. Vor allem, weil spürbar wird, wie sehr sie die Vergangenheit auch nach so vielen Jahren noch verfolgt. Ihr innerer Zwiespalt, insbesondere zwischen ihrer wachsenden Zuneigung zu Max und dem verzweifelten Wunsch, ihre Schwester zu retten, war für mich sehr nachvollziehbar und hat viel Spannung erzeugt.
Max selbst mochte ich ebenfalls gern, auch wenn er anfangs etwas mürrisch und abweisend wirkt. Seine traumatischen Kriegserfahrungen erklären dieses Verhalten jedoch schlüssig, und ich fand, dass seine Figur mit der Zeit deutlich an Tiefe gewinnt.

Atmosphärisch bewegt sich das Buch konstant zwischen melancholisch, tragisch, mystisch und stellenweise fast schon surreal.
Die Handlung wirkt teilweise ziemlich bizarr und abgefahren, was aber durchaus zum Konzept passt. Ich hatte oft das Gefühl, dass sich hier auch Eves Psyche widerspiegelt.
Lange wusste ich nicht, wohin die Reise genau geht, hatte irgendwann eine leise Ahnung und wurde am Ende trotzdem noch einmal überrascht.

Allerdings muss ich auch sagen: Die Geschichte verlangt viel Aufmerksamkeit. Durch die häufigen Perspektivwechsel und das Hin und Her in der Zeit entsteht zwar Dynamik und Abwechslung, aber man muss wirklich konzentriert bleiben, um alles nachzuvollziehen.
An manchen Stellen hatte das Buch für mich auch kleinere Längen, die den Lesefluss kurz gebremst haben – insgesamt hielt sich das aber noch im Rahmen.

Zeitreisegeschichten finde ich grundsätzlich toll, aber auch immer anspruchsvoll. Hier mochte ich besonders, wie sich viele kleine Hinweise und Szenen am Ende zu einem größeren Ganzen zusammenfügen. Dieses Puzzlehafte hat mir gut gefallen und sorgt definitiv dafür, dass man beim Lesen ständig mitdenkt.

Das Ende selbst hat mich allerdings nicht komplett überzeugt. Ich fand es stellenweise etwas verwirrend und nicht ganz logisch nachvollziehbar; anfangs musste ich wirklich überlegen, ob ich alles richtig verstanden habe. Trotzdem hat es mich zum Nachdenken gebracht – und genau das ist letztlich auch eine Stärke des Buches.

Was mir während des Lesens zudem immer wieder durch den Kopf ging, war eine starke Parallele zu Alice im Wunderland. Diese leicht wirre, traumartige, stellenweise bewusst verwirrende Erzählweise, kombiniert mit der allgegenwärtigen Magie und den merkwürdigen Ereignissen, hat bei mir genau diese Assoziation ausgelöst und sie blieb tatsächlich bis zum Schluss bestehen.

Fazit

Unterm Strich ist „Das White Octopus Hotel“ von Alexandra Bell für mich ein sehr außergewöhnlicher, atmosphisch dichter Roman, der sicher nicht jedem gefallen wird, aber definitiv im Kopf bleibt. Wer geheimnisvolle, melancholische und etwas abgedrehte Geschichten mit Zeitsprüngen und psychologischer Tiefe mag, sollte hier unbedingt einen Blick riskieren.