Ein emotionaler Roman
„Dem Meer entgegen“ von Lidija Hilje ist ein emotionaler Roman über verpasste Chancen, alte Liebe und die Frage, ob es irgendwann zu spät für einen Neuanfang ist. Im Mittelpunkt steht die 38-jährige Ivona, die wieder in ihrer kroatischen Heimatstadt Zadar bei ihrem Vater lebt. Ihr Leben ist anders verlaufen, als sie es sich früher vorgestellt hatte: Ihre Ehe mit Vlaho ist gescheitert, beruflich konnte sie ihre ursprünglichen Pläne nicht verwirklichen und gleichzeitig belasten finanzielle Sorgen rund um das Anwesen ihrer Familie ihren Alltag. Besonders gelungen ist die Darstellung von Ivona. Sie wird nicht als klassische Romanfigur gezeichnet, die einfach einen Schicksalsschlag überwinden muss, sondern als widersprüchlicher und dadurch glaubwürdiger Mensch. Obwohl Vlaho längst ein neues Leben mit Frau und Kindern führt, schaut sie sich beispielsweise immer wieder seine Bilder an und hängt gedanklich noch stark an ihrer gemeinsamen Vergangenheit. Gleichzeitig weiß sie, dass die Trennung ihre eigene Entscheidung war. Diese Widersprüche machen ihre Gefühle nachvollziehbar und verleihen der Geschichte eine gewisse Melancholie. Der Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit funktioniert dabei sehr gut. Nach und nach wird erzählt, wie Ivona und Vlaho sich als junge Studierende in Zagreb kennengelernt haben. Gleichzeitig wird deutlich, wie sehr sich Ivona seit dieser Zeit verändert hat. Dadurch geht es nicht ausschließlich um eine vergangene Liebesbeziehung, sondern auch darum, welche Erwartungen man früher an das eigene Leben hatte und wie man damit umgeht, wenn die Realität Jahre später vollkommen anders aussieht. Der Schreibstil ist ruhig, bildhaft und emotional, ohne dabei übermäßig kitschig zu wirken. Besonders schön sind die Beschreibungen von Kroatien, dem Meer und der Landschaft. Aber auch kleine alltägliche Details wie der Kaffee des Vaters, Erinnerungsstücke aus Ivonas Kindheit oder der alte Olivenhain schaffen eine besondere Atmosphäre. Gleichzeitig gibt es immer wieder humorvolle und selbstironische Gedanken, die verhindern, dass die Geschichte trotz ihrer ernsteren Themen zu schwer wirkt.