Ein fantastisches Buch
Manchmal greift man zu einem Buch, weil man einfach Sehnsucht nach Wellenrauschen und Salz auf der Haut hat, und stellt sich auf eine leichte Sommerlektüre zum Wegschmökern ein. Genau das dachte ich auch, als ich „Dem Meer entgegen“ von Lidija Hilje aufgeschlagen habe, doch das Buch hat mich an ganz andere Orte mitgenommen, als ich anfangs gedacht hätte, und das im positivsten Sinne. Im Kern begleitet die Geschichte eine Protagonistin, die vor ihren eigenen Baustellen an die Küste flüchtet. Es ist kein klassischer Wohlfühl-Roman, in dem die Hauptfigur einfach den perfekten Neuanfang wagt und am Ende alles rosig ist. Stattdessen stolpert sie durch die Tage, konfrontiert mit einer Last aus Trauer, unverarbeiteten Verlusten und einer ganzen Reihe persönlicher Unzulänglichkeiten. Was mich an Hiljes Schreibstil sofort eingenommen hat, ist die Ehrlichkeit. Hier wird nichts weichgezeichnet oder in seichte Floskeln verpackt. Die Hauptfigur ist meilenweit von einer strahlenden Sympathieträgerin entfernt, sie macht Fehler, trifft fragwürdige Entscheidungen, verrennt sich und ist phasenweise verdammt anstrengend. Ganz ehrlich: Es gab Momente beim Lesen, da hätte man sie am liebsten mal kurz geschüttelt. Und doch kann man sie vollkommen verstehen, weil die Autorin schwere Themen wie Trauer und das Scheitern an den eigenen Ansprüchen schonungslos, direkt und ohne Kitsch behandelt. Trotz dieser emotionalen Schwere liest sich das Buch unheimlich unterhaltsam, flüssig und hat eine enorme Tiefe. Das liegt vor allem an der sprachlichen Brillanz, denn Lidija Hilje hat ein feines Gespür für Zwischentöne und atmosphärische Dichte, sodass die Worte einen regelrecht in die Emotionen hineinsaugen. Man spürt die Zerrissenheit der Protagonistin und die bleierne Schwere der Trauer fast am eigenen Leib. „Dem Meer entgegen“ ist somit kein Buch für zwischendurch, das man nach der letzten Seite direkt wieder vergisst, sondern eine intensive, sprachlich großartige Charakterstudie über eine unperfekte Frau, die lernen muss, mit sich selbst ins Reine zu kommen, und wer bereit ist, sich auf diese Ecken und Kanten einzulassen, wird mit einem absolut lesenswerten Roman belohnt.