Glück gleicht der Trauer, oft ist es stumm

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downey_jr Avatar

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Lidija Hiljes Debütroman „Dem Meer entgegen“ erzählt die Geschichte der 38jährigen Ivona. Eigentlich wollte sie als studierte Biologin in der Forschung Karriere machen, doch alles scheiterte an der wirtschaftlichen Lage in Kroatien. Nun wohnt sie wieder in ihrem Elternhaus der kroatischen Küstenstadt Zadar. Sie arbeitet unglücklich in einem Schreibwarenladen und pflegt ihren Vater, der nach einem Schlaganfall Hilfe braucht.
Ivonas Ehe mit ihrer großen Liebe Vlaho zerbrach am unerfüllten Kinderwusch, doch es steckt noch ein anderes Geheimnis dahinter, von dem nur ihre ehemalige Schwiegermutter weiß:
„Frana und ich teilen ein Geheimnis. Sie ist die Einzige, die weiß, warum ich Vlaho vor all den Jahren verlassen habe — nicht einmal er selbst ist im Bilde. Ich wiederum weiß als Einzige, welche Rolle sie dabei gespielt hat. Ich stehe in ihrer Schuld, sie in meiner, und obwohl wir uns hüten, darüber zu reden, verhalten wir uns, als wäre die jeweils andere eine geladene Waffe, die jederzeit losgehen könnte.“

Inzwischen ist Vlaho mit Marina verheiratet und hat zwei Kinder.
Die Leben von Ivona, Marina und Vlaho sind freundschaftlich verbunden, doch Ivonas Gefühle für Vlaho flammen immer wieder auf, sie hat nie aufgehört ihn zu lieben.
Als Ivona versucht, das Anwesen ihrer Familie mit ihrem geliebten Olivenhain zu retten, lernt sie Asier kennen. Neben der geschäftlichen Beziehung entwickeln sich hier zarte Gefühle, doch kann Ivona Vlaho endlich loslassen?
Als sie dann noch unerwartet ein verheißungsvolles berufliches Angebot erhält, muss Ivona entscheiden: Wagt sie einen Neubeginn und lässt die Vergangenheit hinter sich?

„Ich grübele über Marinas Worte nach, über meine Entscheidungen. Damals wollte ich nicht nach New York, weil ich befürchtete, Vlaho zu verlieren. Dann bin ich bei meinem Vater eingezogen und habe die Leitung seiner Firma übernommen, weil es außer mir niemanden gab. Ich habe Vlaho verlassen, damit er nicht für meine Unfruchtbarkeit büßen muss und seiner Mutter Enkel schenken kann. Erzwungene Entscheidungen, zu manchen wurde ich sogar genötigt, zum Wohle aller.
Zum ersten Mal sehe ich sie als das, was sie sind. Entscheidungen.
Meine Entscheidungen.
Ob man sich den Wünschen anderer fügt, sich fremden Bedürfnissen unterwirft oder sogar aufopfert — all das sind Entscheidungen.
Entscheidungen, die sich zu Fasern verknüpfen, bevor sie zu Fäden werden und schließlich zu Stricken, die mich fest umschlingen. Mein Vater, Vlaho und alle anderen Menschen, die ich liebe, sind ihnen eingewoben, und alles zusammen formt die Realität, in der wir uns bewegen, aber ist sie wirklich die einzig wahre? Hätte ich meine Stricke anders geflochten, dann wäre auch die Realität eine andere, vielleicht sogar eine bessere.“

Lidija Hiljes Schreibstil hat mir sehr gut gefallen. Durch die zwei Zeitebenen setzt sich die Geschichte nach und nach zusammen.

„Es ist verblüffend, wie selbstverständlich unsere Körper sich zusammen im Raum bewegen. Unser Kopf mag vergessen haben, wie es war, zusammen zu sein, aber unsere Körper erinnern sich an die Choreografie.
Frisch von Zagreb nach Zadar gezogen, war dies unser täglicher Tanz in der schäbigen kleinen Vorortwohnung. Von der Arbeit heimgekehrt, knöpfte er sein Hemd auf, ich zog es ihm aus und küsste ihn zwischen die Schulterblätter, was ihm ein wohliges Brummen entlockte. Dann zog er ein Sweatshirt an und umtanzte mich, während er Teller und Besteck für zwei herausholte, in der Mini-Küche, ich wiederum schloss die Zubereitung des Essens ab, meist ein Gemüseeintopf, mehr konnten wir uns damals nicht leisten, und danach aßen wir schweigend, nicht, weil wir einander nichts zu sagen gehabt hätten, sondern, weil Worte überflüssig gewesen wären. So gesehen gleicht Glück der Trauer, oft ist es stumm.“

„Dem Meer entgegen“ ist ein sehr atmosphärischer, melancholischer Roman über verpasste Chancen und Neuanfänge, über die Liebe - und den Blick nach vorne.

Vielen Dank an den Hanser Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚