Innenansichten aus Kroatien

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corsicana Avatar

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Dieses Buch hat mich sehr beschäftigt und zum Nachdenken angeregt. Zeigt es doch ungewohnte Einblicke in das Alltagsleben in Kroatien und erzählt gleichzeitig und quasi korrespondierend von einer großen Liebe, die aufgrund (falscher?) Entscheidungen nicht zum Happy End führt.

Ivona ist Ende dreißig, geschieden, kinderlos und wohnt wieder in ihrem alten Kinderzimmer. Sie hadert mit ihrer Situation, trauert weiterhin Vlaho, ihrem Ex-Ehemann nach und muss sich zudem mit der Tatsache auseinandersetzen, dass das alte Anwesen der Familie direkt am Meer wohl verkauft werden muss. In dem hatte sie die schönsten Momente ihrer Kindheit bei ihrer Oma verbracht. Ihr Vater hat sich beim Umbau zu einem Boutique Hotel wohl verkalkuliert, ist inzwischen aber nach einem Schlaganfall selbst unfähig, das Problem zu lösen und geht davon aus, dass Ivona alles regelt. Und ihn gleichzeitig pflegt. Aber Ivona kann das Problem nicht lösen und überhaupt hat sie eigentlich schon viel zu lange das getan, was andere von ihr erwarten. Wird es nicht langsam Zeit, ihre eigenen Pläne zu verwirklichen?
In verschiedenen Zeitebenen wird von Ivonas schwieriger Kindheit und vom Kennenlernen mit Vlaho berichtet, von der wirklich großen Liebe und davon, dass er inzwischen neu verheiratet und Vater von zwei Kindern geworden ist, von einem ist Ivona sogar Patin (Der Klappentext ist in diesem Zusammenhang komplett falsch und führt in die Irre - wer schreibt diese Texte???).

Doch warum ist alles so gekommen? Warum hat Ivona keine Arbeit als Biologin gefunden, warum arbeitet sie stattdessen in einem Schreibwarenladen und warum ist die Ehe mit Vlaho gescheitert? Eine wichtige Rolle bei der ganzen Entwicklung spielen gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen. Die eher patriarchalische Gesellschaft, die strikten Erwartungshaltungen der Eltern, die sich für Ihre Kinder Ehe und Kinder wünschen. Und natürlich die Reibungen die entstehen, wenn ein Land vom Sozialismus in die Kapitalismus wechselt und gleichzeitig unter einer überbordenden Bürokratie leidet.
Dazu der Krieg, denn in Kroatien war Anfang der 1990er Jahre Krieg, die Altstadt von Dubrovnik wurde stark zerstört und auch davon wird erzählt, wenn auch eher weniger vom Kriegsgeschehen, als von den Auswirkungen auf die Familien vor Ort. Traumata und Verwerfungen allerorten und dazwischen junge Menschen, die ihren Weg finden müssen, ihren Lebensunterhalt finanzieren und gleichzeitig noch Familien gründen sollen. "...die Entscheidung war schwer gewesen: Ich musste meine eigentlichen Wünsche gegen das Abwägen, was in einem Land wie Kroatien machbar war" (S. 62). Nicht umsonst hat Kroatien nach der Unabhängigkeit etwa 10 % seiner Bevölkerung verloren. Das Leben in anderen EU-Staaten schien einfacher und aussichtsreicher. Auch Ivona hätte die Chance gehabt, ins Ausland zu gehen, sie hat verzichtet, wegen Vlaho. Und das war im Nachhinein betrachtet vielleicht die falsche Entscheidung? Nun stellt sich die Frage nach einem Job im Ausland wieder, wie wird sich Ivona diesmal entscheiden?

Auch wenn der Titel des Romans mit "Meer" auf einen leichten Sommerroman hinweist: Das ist dieses Buch auf keinen Fall. Es ist im Gegenteil ein tiefgründiger Roman über das Leben in einer sich rapide verändernden Gesellschaftsordnung, über falsche oder vermeintlich richtige Entscheidungen und darüber, wie ein Leben trotzdem weiter fortgeführt werden oder sogar gelingen kann.
Anfangs fand ich das schwer auszuhalten und ich habe mehrere Pausen eingelegt beim Lesen. Nach dem ersten Drittel wurde es jedoch besser und es zeigten sich Silberstreifen am Horizont sowie unerwartete Entwicklungen, dann ging es besser und ich war überzeugt von der Geschichte.

Kroatien ist eh seit vielen Jahren mein Sehnsuchtsort, deshalb wollte ich das Buch unbedingt lesen. Ich verbringe jedes Jahr 4-6 Wochen dort, in Cavtat, südlich von Dubrovnik. Dieser Ort spielt sogar in diesem Roman eine Rolle, als Heimatort von Vlaho, ich konnte also in Atmosphäre schwelgen. Gleichzeitig habe ich viele Themen erkannt, die auch meine (einheimischen) Vermieter in Cavtat betreffen: Die jungen Leute gehen weg, weil es an der Küste nur in der Sommersaison Jobs gibt. Die Altstadt von Cavtat (wo ich immer eine Wohnung miete) ist inzwischen außerhalb der Saison fast menschenleer, die alten Häuser wurden von Exilkroaten oder Ausländern gekauft und luxussaniert, mit Pool und allem drumherum. Das können sich die Einheimischen nicht leisten, denn die Gehälter sind weitaus niedriger als in Deutschland. Also wohnen die "echten" Bewohner von Cavtat inzwischen mehrheitlich oberhalb vom Ort in Richtung Flughafen. Die Altstadt (genauso wie in Dubrovnik) gehört jetzt den Touristen und den Reichen. Und die (inzwischen sehr hohen) Preise in den Restaurants können sich Einheimische auch nur selten leisten, die in Massen anreisenden Amerikaner, die Kroatien derzeit überschwemmen, allerdings schon. Kapitalismus in Reinform. irgendwie schade, aber derzeit der Lauf der Zeit.

Wer also einmal hinter die Kulissen Dalmatiens schauen will, dem sei dieser Roman unbedingt empfohlen.