Kroatien zwischen Unabhängigkeit und EU-Beitritt

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"Dem Meer entgegen" ist das Debüt der kroatischen Autorin und Schreibtrainerin Lidija Hilje, das sie in ihrer Zweitsprache Englisch geschrieben hat und von Hennig Ahrens ins Deutsche übersetzt wurde. Titelbild, Titel und Aufmachung lassen einen locker-leichten Sommerroman vermuten, dieser Eindruck täuscht aber: es ist ein eher anspruchsvolles Buch mit einer eher deprimiert-sehnsüchtigen Hauptfigur, hinter der ein schweres Schicksal steht: es geht um Unfruchtbarkeit und das Aufgeben des Partners, weil man selbst keine Kinder bekommen kann, um pflegebedürftige und sterbende Eltern und die Trauer um diese, um schwierige Familienbeziehungen und um wirtschaftliche Herausforderungen im Kroatien der Jahre nach den Balkankriegen.

Im Zentrum des Romans steht Ivona, die kurz nach den Kriegen eine ganz junge Frau war, mit 19 ihre große Liebe Vlaho kennen gelernt hat, diesen auch geheiratet hat, aber sich später scheiden ließ, obwohl sie ihn noch liebte. Danach heiratete er ihre Freundin Marina und bekam mit dieser die von der Familie so heiß ersehnten beiden Kinder. Ivona blieb der Familie eng verbunden, war regelmäßig zu Besuch und wurde sogar Patentante der beiden Kinder.

Die Handlung wechselt immer wieder zwischen der Zeit der ganz jungen Ivona und ihrer Liebe zu Vlaho und der Zeit etwa 20 Jahre später, als Ivona Ende 30 ist und auf ihr bisheriges Leben zurückblickt: so viele Träume haben sich nicht erfüllt. Sie ist Single und kinderlos und auch beruflich hat es nicht so gut geklappt, zwar hat sie erfolgreich ihr Biologiestudium abgeschlossen, doch gab es aufgrund des wirtschaftlichen Umbruches in der damaligen Zeit keine passenden Stellen für sie und sowieso würden viele dieser in Kroatien nur aufgrund von Vitamin B vergeben werden. So war Ivona nach ihrem Studium eine längere Zeit arbeitslos und heute arbeitet sie in einem Schreibwarenladen, zwar durchaus zufrieden, aber weit unter ihrer Qualifikation. Im Hintergrund gibt es noch den Vater, der sich mit seinen unternehmerischen Versuchen übernommen hat, schwer verschuldet ist und so ein Familiengrund mit Olivenbäumen direkt am Meer, mit dem Ivona viele schöne Kindheitserinnerungen verbinden, vom Verkauf bedroht ist.

Man lernt im Buch viel über die Zeit in Kroatien direkt nach den Balkankriegen und die Entwicklung danach. Es wird spürbar, was für eine herausfordernde Zeit das insbesondere für hoffnungsvolle und ehrgeizige junge Menschen gewesen muss, die hochqualifiziert und motiviert waren, aber kaum berufliche Chancen bekamen. Auch der massive Brain Drain - mehr als 10 Prozent der Kroaten haben mittlerweile dauerhaft das Land verlassen - und die Tatsache, dass insbesondere gut qualifizierte Menschen bei der ersten sich bietenden Gelegenheit ins Ausland gehen, wird thematisiert.

Ein weiteres großes Thema im Buch ist die unglückliche Liebe Ivonas zu Vlaho, der vielleicht in gewisser Weise auch für ihre Vergangenheit und Bindung zur Heimat steht. Später kommt noch ein zweiter Mann dazu, Asier, mit baskischen Wurzeln, in London lebend und international tätig.

Ich habe ein bisschen gebraucht, um mit dem Buch warm zu werden, doch als ich mich nach etwa dem ersten Viertel eingelesen hatte, habe ich Ivonas Geschichte sehr gerne gelesen. Insgesamt ist es aber eher ein tragisch-melancholisches Buch und jedenfalls keine leichte Strandlektüre. Allen, die emotional vom Thema unerfüllter Kinderwunsch betroffen sind und sich nicht stark damit in einem Buch auseinandersetzen wollen, rate ich eher nicht zur Lektüre dieses Buches. Wer damit aber kein Thema hat und sich für die Entwicklung Kroatiens in den Jahren zwischen Unabhängigkeit und EU-Beitritt interessiert, kann ich das Buch als sehr interessante Lektüre dazu sehr empfehlen.