Ungeschöntes Highlight

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
davina Avatar

Von

Selten hat mich ein Debüt so begeistert und emotional so mitgenommen wie Dem Meer entgegen.
Ivona kehrt in ihren späten Dreißigern zurück nach Zadar, an die kroatische Adriaküste, wo sie aufgewachsen ist. Ihre Ehe ist zerbrochen, ihr Traum von einer Karriere als Biologin geplatzt, stattdessen arbeitet sie in einem Schreibwarenladen. Als sie ihrem Ex-Mann Vlaho wiederbegegnet, der inzwischen mit einer anderen Frau und zwei Kindern lebt, brechen alte Gefühle wieder auf. Und mittendrin ein Angebot, das ihr die Chance auf einen völligen Neuanfang in Italien eröffnet.
Klingt nach klassischem Sommerroman-Stoff, und ja, das kroatische Setting mit Meer, Olivenhainen und Hitze ist wunderbar präsent so dass man förmlich das Salz in der Luft riechen kann. Aber Lidija Hilje, selbst Kroatin, hat mit ihrem Debüt mehr im Gepäck als leichte Urlaubslektüre. Unter der Oberfläche geht es um Trauer, um verpasste Chancen, um die Frage, wie sehr uns unsere Herkunftsfamilien in unseren Entscheidungen fesseln und das wird schonungslos verhandelt, ohne dabei kitschig zu werden.
Was mich am meisten überrascht hat: Ivona ist keine Sympathieträgerin im klassischen Sinn. Sie trifft Entscheidungen, die man als Leserin nicht immer nachvollziehen mag, sie hadert, sie flüchtet sich in Selbstmitleid, sie ist eigensinnig auf eine Art, die manchmal anstrengt und einen frustriert zurücklässt. Und trotzdem, und das ist die eigentliche Kunst dieses Buches, versteht man sie. Hilje schreibt so nah an ihren Figuren, so eindringlich in ihrer Sprache, dass man in Ivonas Gefühlswelt regelrecht hineingezogen wird, ob man will oder nicht.
Genau diese Kombination aus großer sprachlicher Kraft, ungeschönter Ehrlichkeit und einer Hauptfigur, die trotz aller Ecken und Kanten unter die Haut geht, macht das Buch für mich zu einem der besten des Jahres. Eine klare Leseempfehlung.