Wie im Film
Eigentlich finde ich Triggerwarnungen unnötig, hier hätte eine Triggerwarnung allerdings nicht geschadet.
Aufgrund der Reklame stellt man sich auf einen heiteren Sommerroman ein, die Themen sind allerdings sehr ernst, und die Geschichte nimmt sich selbst auch sehr ernst, es gibt nicht einen Funken Selbstironie.
Die Lektüre macht betroffen und manche Passagen sind richtig deprimierend; es gibt natürlich auch schöne Abschnitte.
Frauen, die ähnliche Erfahrungen wie die Ich - Erzählerin Ivona gemacht haben (Gewalterfahrungen im Elternhaus, Lieblosigkeit, „Krankheit“, wenn man so will) könnten unangenehm berührt sein.
Der Roman ist dabei durchaus fesselnd, schon lange war ich nicht mehr so auf den Ausgang einer Geschichte gespannt. Andererseits ist sie aber auch konstruiert und sie dient wohl primär der Sozialkritik nach dem Motto – „Der Turbokapitalismus postsozialistischer Nachkriegsstaaten, Vetternwirtschaft und die Stellung der Frau in patriarchalen Gesellschaften.“ Die Protagonistin Ivona ärgert sich einerseits über den Nepotismus in ihrem Heimatland Kroatien, sagt andererseits aber auch: „Ich war stolz auf mein Land.“
Darüber hinaus wird generell die Frage aufgeworfen, was es bedeutet, wenn man als Frau (egal wo) als defizitär wahrgenommen wird.
Hier liegt der Mehrwert des Romans. Wenn es die Intention der Autorin war, die Emanzipation einer Frau zu begleiten, ist dies allerdings nur bedingt gelungen.
Das mediterrane, südosteuropäisch – italienische setting mochte ich. Die Handlung oszilliert zwischen Zadar, Zagreb, Split und Mailand.
Während des Lesens hat man förmlich das Zirpen der Zikaden im Ohr und den Geruch von Salzwasser in der Nase. Man hat das Gefühl, durch die Gassen dalmatinischer Städte zu flanieren. An einer Stelle wird zum Glück auch die partielle Hässlichkeit Zadars erwähnt, sonst wäre es eine Ansammlung von maritimen Stereotypen gewesen.
Stilistisch ist das Ganze nicht ganz ausgereift. Einerseits gibt es viele kluge Gedanken, man denkt beim Lesen dito, dito. Andererseits gibt es aber auch reichlich banale, fast schon triviale Feststellungen. Die Schilderungen fand ich mitreißend, aber stellenweise auch gefährlich nah am Kitsch und nah am Klischee vom heißblütigen Südländer, die meisten Figuren sind ja Dalmatiner. Man muss als Leser/in nie etwas erahnen, zwischen den Zeilen lesen, alles wird recht vordergründig vorgestellt.
Die Protagonistin wird als hypersensible Figur eingeführt; sensible Menschen werden sich ihren Teil denken. Ihre Entwicklung wird gebremst – durch die Eltern, durch das Umfeld, durch die finanziellen Möglichkeiten, aber wie gesagt auch durch ihr eigenes Wesen. Es ist eine Ironie des Schicksals, dass sie als Erwachsene den jähzornigen Vater pflegen muss. Überhaupt scheint es in ihrem Leben sehr viel Leid zu geben, manche Passagen sind richtig melodramatisch und man hat fast das Gefühl, einer Seifenoper beizuwohnen. Als Ivona aus Zadar das Biologiestudium in Zagreb aufnimmt, trifft sie zum ersten Mal einen Menschen, der sie um ihrer selbst Willen liebt. Vlaho, benannt nach dem Schutzpatron seiner Heimatstadt Dubrovnik, ist ein wahrer Adonis, ein gutherziger Beau von Gardemaß. Nach der Heirat kommt es zur Scheidung; Vlaho heiratet erneut – Marina (nomen est omen) ist eine kurzhaarige Skipperin, Ivonas späterer Verehrer Asier ist rein optisch keine Konkurrenz für Vlaho, der stets Ivonas große Liebe bleiben soll, auch wenn sie letztendlich seine Charakterschwäche erkennt, was die Reife der weiblichen Hauptfigur illustrieren soll.
Die Charakterisierung der Figuren fand ich insgesamt ausbaufähig, sie bleiben Typen, obwohl man merkt, dass die Autorin Lidija Hilje sich um Nuancen bemüht. Von Anfang an ist klar, dass z.B. Asier nur eine Art Lückenbüßer bleiben wird. Marina ist eigentlich eine gute Freundin Ivonas, auch dieser Kniff ist nicht neu. Überhaupt Ivona – einerseits hatte ich Verständnis für sie & ich habe mit ihr gelitten, andererseits ging mir ihre larmoyante Art auf die Nerven. Was hätte sie getan, wenn sie an einer Krankheit wie z.B. Krebs gelitten hätte?
Da es sich bei „Dem Meer entgegen“ um einen Debutroman handelt, ist manche Schwäche vielleicht einfach mangelnder schriftstellerischer Routine geschuldet. Wie jedes literarische Werk ist die Erzählung in Exposition, Hauptteil und Schluss eingeteilt. Die Gliederung ist in meinen Augen aber nicht unbedingt stimmig, da man das Gefühl hat, dass die Autorin gegen Ende zum Schluss kommen wollte, die story wird relativ schnell abgewickelt und verpufft irgendwie; das offene Ende ist nicht das Problem.
Für mich ist der Roman insgesamt weder Fisch noch Fleisch – für die Geschichte einer amour fou fehlt es an subtiler (!) Sinnlichkeit, obwohl es Tragik gibt. Für einen Familienroman liegt der Fokus nicht genug auf der Sippe Ivonas (die Frau geht auf die Vierzig zu). Für eine Sommerlektüre sind die Themen zu traurig, für einen romantischen Thriller fehlt der Thrill. In meinen Augen würde die Konstruktion als Film besser funktionieren.
Fazit:
Der Debutroman von Lidija Hilje hat mich trotz seiner handwerklichen Schwächen nicht gelangweilt. Wer eine locker-leichte Lektüre für den Urlaubskoffer sucht, wird allerdings enttäuscht sein, insofern hätte ich als Verlag eine andere Strategie verfolgt.
3,5/5