Zu Hause neigt sich alles dem Meer entgegen
Ivona kehrt mit Ende dreißig nach Zadar zurück, hinter der Kasse eines Schreibwarenladens statt als Biologin. Die Ehe zerbrochen, der Vater nach einem Schlaganfall auf Hilfe angewiesen, der Olivenhain der Großmutter das Einzige, an dem sie sich festhält. Mit neununddreißig noch immer dabei, erwachsen zu werden.
Vlaho ist die große Liebe, die Ivona selbst verlassen hat, und lebt jetzt mit Marina und zwei Kindern. Ich hab mich gefragt, was eigentlich hinter dieser Trennung steckt, gerade nach Ivonas eingestreuten Andeutungen. Am Ende: eine Mutter, die zu wissen glaubte, was gut für ihren Sohn ist – ohne ihn je zu fragen. *"Keiner hat ihm zugetraut, aus freien Stücken bei Ivona zu bleiben, weil er sie liebt."*
Und das zieht sich, auch beim Vater, auch beim Hotelprojekt. Immer andere, die entscheiden, was gut ist für sie. Identitätsfindung, sich freimachen, zu sich selbst stehen – auch das ist dieses Buch.
Ich kann verstehen, wenn Leute wenig Geduld haben mit einer Frau, die zehn Jahre einem Mann hinterherhängt, der ihr nicht mehr zur Verfügung steht. Mich hat's nicht genervt. Vielleicht, weil ich Ivona in ihrem Alter, ihren Rückblicken, ihrer Musik wiedererkannt hab.
Es geht eh nicht nur um Vlaho. Es geht um die verschiedenen Arten von Liebe – Familie, Freundschaft, romantische Liebe, Liebe zwischen Menschen, die einfach zusammengewachsen sind. Weiterlieben können, auch wenn die Person nicht mehr da ist. Ohne dagegen anzukämpfen, ohne es sich zu verbieten. Einfach stehen lassen.
Die Landschaft, das Wetter, das Licht – immer wieder, sie zeichnen ein stimmungsvolles Bild, aber sie zeigen auch, wie sehr die Figuren mit dieser geografischen Besonderheit verwoben sind. Vlaho sagt am Anfang: *"Zuhause neigt sich alles dem Meer entgegen."* Ivona ist es dann, die sich mit ihrem ganzen Sein ihm entgegenneigt, als wäre er das Meer, ihr Zuhause.
Genauso der Olivenhain. Eine Metapher für Ivonas Vergangenheit, für alles, was sie konserviert, an dem sie krampfhaft festhält. Am Ende merkt sie, sie muss das gehen lassen. Für sich selbst. Weil sie zu sehr in der Vergangenheit lebt und sich selbst dabei im Weg steht, ihren Weg zu finden.
Ein ruhiger, melancholischer Text, den ich nicht aus der Hand legen konnte.
4,5 Sterne.