Autosoziobiografie at its best

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Édouard Louis gehört zu den markantesten Stimmen der zeitgenössischen Literatur. Er wurde mit Das Ende von Eddy berühmt, seinem radikal autobiografischen Debüt über seine Kindheit im armen Arbeitermilieu Nordfrankreichs in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren und den Kampf um Identität, Sexualität und sozialem Aufstieg. Seither hat Louis mehrere Bücher veröffentlicht, die in unterschiedlicher Form von Klassenlage, Gewalt, Männlichkeit und den Grenzen persönlicher Handlungsfreiheit erzählen. Seine Werke bilden eine eindrückliche Verbindung von literarischem gleichzeitig soziologischem Fundament – immer mit dem Blick auf die sozialen Bedingungen, die Individuen formen und deformieren. Es geht in seinem Gesamtwerk, und das scheinen zahlreiche Kritiker (insbesondere der Neuen Züricher Zeitung) nicht zu verstehen, nicht um den Moment des individuellen Leidens, um Mitleid zu evozieren, sondern darum, aufzuzeigen, wie Klasse und gesellschaftliche Strukturen auf zahlreiche Menschen wirken. Das Individuum und seine konkreten Familienbande sind somit im Prinzip austauschbar. Was zählt, ist die Klassenerfahrung, und die besteht, egal um wen es geht. Louis' Schreiben lässt sich mehr im Genre der Autosoziobiografie verorten als im Bereich der Autobiografie - ein Genre, in dem er neben Annie Ernaux und Didier Eribon zu verorten ist.

In Der Absturz wendet sich Louis fast ausschließlich einer zentralen Figur seiner Familiengeschichte zu: seinem älteren Halbbruder, dessen Leben in Alkohol, Gewalt und Resignation versank und der mit 38 Jahren tot in seiner Pariser Wohnung gefunden wurde. Der Roman beginnt mit einer bemerkenswert nüchternen Schilderung der Todesnachricht – der Louis reagiert auf diese Nachricht emotionslos, „wie auf einen Wetterbericht“ – und entwickelt sich zu einer genauen, oft verstörenden Untersuchung dessen, was diesen Menschen zum Scheitern brachte.

Louis setzt in diesem Buch seine radikal autobiografische Familienforschung fort, verweist dabei auf soziologische und psychoanalytische Konzepte und vermeidet, wie wir es von ihm gewohnt sind, einfache und individualisierte Erklärungen für komplexe und strukturelle Phänomene und Mechanismen. Er zeigt auf, wie soziale Normen, familiäre Gewalt, Männlichkeitsbilder und kollektive Erwartungen in einen Lebenslauf eingreifen. Was dieses Buch besonders macht, ist der doppelte Blick: Louis beobachtet den Bruder schonungslos, gleichzeitig reflektiert er über seine eigene Rolle und die Bedingungen, die sie voneinander entfernten. Während Louis der Ausbruch aus seinem Herkunftsort und auch den menschlichen Gefügen dort gelingt und er ein Studium in Paris beginnen kann, bleibt sein Bruder an dem Punkt, von dem Louis sich mit so viel Schmerz und Abarbeiten gelöst hat. Der Absturz entfaltet sich weniger als moralisches Urteil über ein beschädigtes Leben, sondern als dichtes Porträt einer Existenz zwischen Verzweiflung, Sehnsucht und dem unerfüllten Wunsch nach Liebe und Anerkennung.

Das Ergebnis ist erneut ein Buch, das lange im Gedächtnis bleibt: Ein schonungsloses, anspruchsvolles Porträt eines Lebens im Absturz, ein Versuch, Wege des Verstehens zu finden, wo einfache Erklärungen versagen und der Komplexität von Menschen gerecht zu werden.