Mmmhhh...

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mike nelson Avatar

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Mmmhhh... Ich habe mich beim Lesen von Édouard Louis' neuem Buch "Der Absturz" ein wenig gefühlt wie ein Voyeur... durfte ich doch als Leser Zeuge eines erschütternden Absturzes werden. Der Autor berichtet vom Niedergang und Tod seines größeren Bruders, der mit nur 38 Jahren seiner schweren Alkoholsucht erliegt. Louis beschreibt die aufeinanderfolgenden Akte des Absturzes, zitiert Personen, die mit seinem Bruder in Beziehung waren, berichtet vom ebenso alkoholkranken, entwertenden Vater und einer leidenden Mutter. Er berichtet von seinen eigenen inneren Zwiespalten - zwar gelingt ihm eine bessere Abgrenzung als der Mutter, die bis zum Schluss mit der Begründung "Aber er ist doch mein Sohn!" an der Liebesverpflichtung dem Bruder gegenüber festhält; aber Louis sieht nicht nur die selbstzerstörerische Seite seines Bruders, sondern auch die gewalttätige, gesteht sich ein, dass er ihn nicht mag. Louis stellt viele Fragen, Fragen nach dem Grund, die aber letztendlich nie eine Auflösung finden weren. Ein schonungsloser Text, in dem der Autor weder seinen Bruder, seine Familie noch sich selbst schont. Und was ich mich am Ende frage: Gehört eine derartige Auseinandersetzung nicht eher in einen geschützten Rahmen anstatt als gedrucktes Werk der Öffentlichkeit präsentiert zu werden?