Ein letztes aufleben der alten Generation
Man merkt "Der Baum" an, dass es das letzte Werk des Autors ist - inhaltlich dreht es sich viel um die Erinnerung an alte Zeiten, gute wie schlechte. Im Werk begleiten wir Michel, den Wirt der Dorfkneipe "Der Baum" an einem Ort, der nicht benannt wird, aber mutmaßlich in Bayern liegt. Im Gegensatz zum (Konkurrenz-) Landgasthof "Zum Hirsch" betreibt Michel sein Lokal ohne Hingabe und Innovation, nicht aber ohne Liebe. Seine Kundschaft besteht überwiegend aus der alten Generation, die aus Gewohnheit kommt und in Erinnerungen und Geschichten schwelgt - bisweilen fragt man sich, wie der Laden sich mit drei verkauften und vier selbst gezapften Bieren pro Tag wirtschaftlich halten kann; aber da ist nicht der Zweck des Ortes.
Tommy Goerz lässt in knappen aber traumhaft gemütlich gemalten Bildern die urige Kneipe im Kopf entstehen, in der wiederum Michel seinen Erinnerungen nachhängt. Dabei liegt der Fokus auf seiner Kindheit und Jugend, umgeben von Erwachsenen Männern der Nachkriegsgeneration: Verstümmelt, versehrt, oft seelisch gebrochen und Trost oder Flucht im Alkohol suchend. Man erfährt gerade genug über die Menschen und ihre Schicksale, um sie mit eigenen Bildern zu malen und trotzdem eine emotionale Verbindung zu ihnen zu knüpfen. Darum entfaltet das Leid in den Erinnerungen auch seine Wirkung. Die Allgegenwärtigkeit von Tod (durch Alkoholmissbrauch oder meistens "einfach so") und Gewalt macht beides so banal und alltäglich und wird auch als "das war eben einfach so" beschrieben, dass man froh ist, diese entbehrungsreichen Zeiten nicht selbst erlebt zu haben. "Der Baum" ist ein Abgesang, ein letztes Aufleben der alten Generation, ein Platz machen und Erinnern und steuert unvermeidlich auf sein Ende zu; dabei hebt sich Michel sein großes Geheimnis auch bis zum Ende auf (aufgelöst wird es trotzdem, keine Sorge).
Der Baum ist gemütlich, nachdenklich, langsam, ehrt was gewesen ist und erinnert daran, dass alles vergeht - das Buch bleibt dabei bodenständig, banal, klagt nicht an, beschönigt nicht aber kehrt auch nichts unter den Tisch.
Mit seinen knapp 150 Seiten ist es ein kurzer Ausflug in eine Stellvertreter-Geschichte für viele andere, die gerade enden und deswegen absolut lesenswert. Danke gebührt hier dem Lektor, der das Werk noch ermöglicht hat - ich glaube ein besseres Abschlusswerk kann sich kaum ein Autor wünschen.