Erinnerungen

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Nach dem gelungenen Roman »Im Tal« legt Tommie Goerz erneut ein Buch vor, das ein Sammelsurium an Anekdoten einer vergangenen Zeit darstellt. Es ist sein letztes Buch. Wieder gelingt es Goerz, eine leise und unaufgeregte Geschichte zu erzählen, die durch leise Töne, verklärte Erinnerungen und das Glätten der Kanten einer manchmal düsteren Vergangenheit besticht.
Im Zentrum des Geschehens steht mit Michel Gruber eine überaus interessant gezeichnete literarische Figur, die vor allem durch ihre inneren Widersprüche fasziniert: Obwohl er ein alter, lebenserfahrener Mann ist, schämt er sich zutiefst für seine panische Angst vor Gewittern, die ihn seit langer Zeit wie eine unbezwingbare Schwäche verfolgt und ihn regelmäßig in tiefe Unruhe stürzt. Michel führt das traditionsreiche, im Familienbesitz befindliche Wirtshaus »Der Baum« weiter, das einst aus dem Holz eines vom Sturm gefällten Kirschbaums entstand und für die Dorfgemeinschaft seit Generationen weit mehr als nur eine Schankwirtschaft darstellt, es ist ein regelrechter Ankerplatz, eine feste Konstante im Leben der alternden Stammgäste. Doch nicht nur der Protagonist weiß zu überzeugen; auch die verschiedenen Nebenfiguren entfalten auf engstem Raum eine erstaunliche Tiefe. Dem Autor gelingt dieses dichte Charakterpanorama im Text vor allem dadurch, dass er die Figuren über prägnante, lebensnahe Anekdoten, charmante dörfliche Eigenheiten und im Wechselspiel mit bedeutungsvollen Erinnerungsstücken wie alten Fotoalben lebendig werden lässt.
Die atmosphärische Kulisse unterscheidet sich dabei deutlich von Goerz' früheren Werken: Diesmal ist es nicht der Schnee, sondern das Unwetter, das für eine behagliche Stimmung sorgt, auf dessen Grundlage sich das Geschehen entfaltet. Diese gemütliche Stammtisch-Atmosphäre erweist sich jedoch als zutiefst ambivalent, denn eigentlich verknüpft Michel ausschließlich schlechte Gefühle und traumatische Erinnerungen mit Unwettern, angefangen bei einem verheerenden Hofbrand in seiner Kindheit bis hin zu einem tödlichen Unfall direkt vor seiner Wirtshaustür. Goerz macht diese tiefe Beklemmung erzählerisch spürbar, indem er Michels körperliche Reaktionen wie das unwillkürliche Zusammenzucken bei Blitz und Donner beschreibt und die Gaststube in ein bedrohliches, düsteres Zwielicht taucht, das die Geister der Vergangenheit regelrecht heraufbeschwört.
Insgesamt hat Goerz erneut einen interessanten Roman geschrieben, der Wehmut und Nostalgie zum zentralen Thema macht. Zum einen besticht das Buch durch seine wunderbar entschleunigte, fast zeitlose Erzählweise, die dem Leser Raum zum Nachdenken gibt, und zum anderen überzeugt die warmherzige, würdevolle Darstellung der alten Dorfgemeinschaft, deren lebendige Stammtischgespräche und geteilte Geschichten den Wert von Heimat und Zusammenhalt spürbar machen.
Allerdings reicht »Der Baum« nicht ganz an »Im Schnee« heran, was auch daran liegen kann, dass es sich zuweilen wie eine Fortsetzung liest, und der Versuch des Autors, an seinen Hit anzuknöpfen, doch manchmal spürbar durchsticht. Dieser Umstand erklärt sich näher dadurch, dass Goerz erneut sehr stark auf das bewährte Motiv der äußeren Naturisolation setz. »o früher die Schneemassen die Menschen zusammendrängten, ist es nun die stürmische Wetterwand, wodurch manche erzählerische Parallele und der Rückgriff auf die Melancholie der Einsamkeit ein wenig formelhaft wirken. Insgesamt ist das Buch aber, trotz dieser kleinen erzählerischen Redundanzen, aufgrund seiner sprachlichen Eleganz und emotionalen Dichte absolut zu empfehlen.