Tommie Goerz' literarisches Vermächtnis

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Treffpunkt Wirtshaus. Nach Alex Capus erkundet auch Tommie Goerz den Lebensraum einer Gaststätte und erzählt in Der Baum von all dem, was sich dort im Laufe eines Lebens auf den Tisch gekommen ist – und was nicht.

Das Wirtshaus Der Baum in Tommie Goerz‘ Roman ist ein archetypisches, wie man es in Franken und vielen anderen Orten fand – und immer weniger findet. Das Wirtshaussterben ist in vollem Gange und damit verschwinden solche Orte, in denen sich die ganze Dorfgemeinschaft einfand, die von allen Modernisierungstendenzen verschont blieben, an denen das Wort vegan ein Fremdwort war und stattdessen der Wirt oder die Wirtin selber deftige Speisen kochte. Stätten, die als Begegnungsorte wie auch als mündliches Archiv und lebendige Ortschronik fungierten.

Tommie Goerz lässt einen ebensolchen Ort noch einmal auferstehen und umkreist dabei doch auch wieder das Thema des Sterbens der dörflichen Lebenswelt, wie er es in seinem vielbeachteten Buch Im Schnee schon tat. Dabei wohnt Der Baum eine ganz eigene Tragik inne – denn auch Tommie Goerz verstarb noch während der finalen Arbeiten an dem Buch, wie sein Lektor Hannes Ulbrich in den beigefügten Notizen zur Entstehung des Romans erläutert.

Tommie Goerz‘ letzter Roman

Das merkt man dem Buch tatsächlich in einigen Facetten an. Denn nicht nur, dass das Buch mit noch nicht einmal 150 großzügig gesetzten Seiten, viel Weißraum und Anhängen wie den Erläuterungen des Lektors und einem wehmütigen Lied aus der Feder Goerz‘ ergänzt wurde – dem Buch fehlt auch eine übergreifenden Erzählung. Dort, wo Im Schnee eine einzige durchwachte Nacht den erzählerischen Bogen bildete, fehlt Goerz‘ Nachfolgeroman ein solcher Bogen, der die Handlung trägt. Der Baum zerfällt – oder besser gesagt: ist in mehrere Kapitel aufgespalten – deren Kohärenz nicht immer gegeben ist.

Dennoch hat das Buch seinen Reiz, denn mit Michel stellt Tommie Goerz einen feinfühligen Charakter in den Mittelpunkt, der im gewaltgeprägten Milieu des familieneigenen Gasthauses eigentlich am völlig falschen Platz ist.

Schon früh hat er sich zusammen mit seiner Schwester unter den mächtigen, legendenumrankten Tisch geflüchtet, der den Mittelpunkt des Gasthauses bildet. Gewitter sind ihm verhasst, ebenso wie die Gewalt, die vor allem sein Vater ausübte und vor der der Großvater ihm in Kindertagen Schutz bot. Doch nun sitzt Michel in der dunklen Stube, die Stammgäste sind größtenteils bereits verstorben; sein Gasthaus ist nur noch aufgrund seiner Urwüchsigkeit eine bestaunenswerte Kulisse für die Jüngeren, das eigentliche Geschäft macht ein anderer Gasthof im Ort.

Das Wirtshaus verschwindet

Vorbei die Zeiten, als nach einer Schlachtung das Blut im Ofen gebacken wurde, als die zumeist männlichen Gäste dem Alkohol reichlich zusprachen und nach getaner Arbeit des Straßenbaus oder einfach so ihre Tage im Wirtshaus verhockten, wo sie in einer Art kollektiven Schweigetherapie die Weltkriegstraumata zu vergessen suchten.

Abermals erweist sich Tommie Goerz als genauer Beobachter der vergangenen Zeit und ihrer Figuren, verklärt aber jene Zeit, die unwiederbringlich vorbei ist, nicht. Sein Buch betrachtet auch patriarchale Gewalt und die enorme Belastung, die vor allem Michel ertragen musste, indem er neben der Schule bis spät in die Nacht im Wirtshaus arbeiten und den Gästen ihr Bier reichen musste, bis hin zur völligen Übermüdung und Erschöpfung.

Eigentlich, dachte der Michel, braucht man, wenn man in einer Wirtsstube groß wird, überhaupt keine Schule. Hier lernt man alles, was man fürs Leben braucht.
Tommie Goerz – Der Baum, S. 106

Eigene Träume und Visionen zu verfolgen, war in diesem System nicht vorgesehen – und so schweben durch den dunklen Gastraum nicht nur positive Erinnerungen, sondern auch viel Verdrängtes. Das gibt Der Baum seine ganz eigene Qualität, von der man gerne noch mehr gelesen hätte.

Das literarische Vermächtnis von Tommie Goerz

So oder so sind die Themen des dörflichen Lebens und der Dinge, die langsam verschwinden, auch in diesem Buch wieder markant nach vorne gestellt. Sie bilden so gewissermaßen das literarische Vermächtnis Tommie Goerz, dem selbst erst spät der literarische Erfolg über die Grenzen Frankens hinaus gelang, die er zuvor mit seinen Regionalkrimis ausgiebig erkundet hatte.

Man kann nur hoffen, dass seinem Alterswerk jene Lebenskraft beschieden ist, die die Alten im Wirtshaus in einem Memento mori-artigen Lied besingen, das auch das Ende des Buchs bildet. Darin heißt es:

Ja, so schnell kann’s gehen
mit dem bisschen Leben,
allerweil muss einer viel zu früh gehn.
Aber wir sind noch am Leben,
wir sind noch am Leben,
und wir wollen auch lang noch nicht gehn.