Leben in verschiedenen Geschichten

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maila Avatar

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Schon der Prolog hat mich sehr berührt. Die Briefe von Hyomin an ihre Schwester Hyoyeong sind leise, traurig und zugleich unglaublich ehrlich. Sie transportieren eine tiefe Einsamkeit und das Gefühl, im eigenen Leben stehen geblieben zu sein. Die Sprache ist ruhig und poetisch, ohne kitschig zu wirken, und vermittelt sofort die zentrale Bedeutung des Briefeschreibens als etwas Intimes und Notwendiges.

Im weiteren Verlauf entfaltet sich eine sensible Geschichte über Familie, Schuldgefühle und Sprachlosigkeit. Besonders spannend fand ich die Beziehung der beiden Schwestern: Auf der einen Seite die bewunderte, scheinbar perfekte ältere Schwester, auf der anderen Seite Hyoyeong, die zurückbleibt, verdrängt und sich ihren eigenen Gefühlen nicht stellen will. Dass Hyoyeong die Briefe ungeöffnet wegwirft, während sie später ausgerechnet in einem Briefladen arbeitet, ist ein starkes und symbolisches Motiv.

Der „Letter Shop“ selbst ist mit viel Liebe zum Detail beschrieben. Farben, Gerüche und kleine Alltagsbeobachtungen schaffen eine warme, entschleunigte Atmosphäre, in der man sich als Leserin sofort wohlfühlt. Besonders der Penpal-Service und die Idee, anonym Briefe zu schreiben, geben dem Roman eine besondere Tiefe und werfen die Frage auf, welche Bedeutung handgeschriebene Worte in unserer schnelllebigen, digitalen Welt noch haben.

Die Geschichte entwickelt sich ruhig, fast meditativ, lebt aber von ihren inneren Spannungen und den unausgesprochenen Gefühlen der Figuren. Ich habe beim Lesen oft das Gefühl gehabt, dass zwischen den Zeilen genauso viel erzählt wird wie im Text selbst. Genau das macht den Reiz dieser Leseprobe aus.

Ich erwarte einen gefühlvollen, nachdenklichen Roman über Verlust, Neubeginn und die heilende Kraft von Worten. Ein Buch für alle, die leise Geschichten mögen, die lange nachhallen und zum Innehalten einladen.