Ein Herzensbuch über das Briefeschreiben

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missgowest Avatar

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Normalerweise lese ich ein Buch relativ zügig durch, doch für „Der Briefladen, in dem die Zeit stillstand“ habe ich mir viele Wochen Zeit gelassen. Der Roman der koreanischen Schriftstellerin Baek Seungyeon ist so ein Genuss, dass ich jede Zeile langsam auf mich wirken ließ. Ich habe sehr viele Sätze markiert, weil sie mich berührten, beispielsweise was der Inhaber des Letter Shops Kang Seonho in einem Interview äußert: „ ‘Sich Zeit zu nehmen, um über sich selbst nachzudenken und sein eigenes Bild zu gestalten, das man anderen vermitteln möchte, genau das wollte ich fördern. Das ist die Idee hinter dem Letter Shop. Das ist das Wesen eines Briefes.‘ “ (S. 186)

Als Hyoyeongs Mutter nach einem Unfall Unterstützung benötigt, aber Hyoyeongs ältere Schwester Hyomin aus dem Familiengefüge verschwunden ist und daher dafür nicht in Frage kommt, kann Hyoyeong die Filmhochschule nicht beenden und arbeitet nicht wie ursprünglich erträumt als Regisseurin. Stattdessen findet sie einen Job in einem Briefladen. Im Laufe der Monate findet sie mehr und mehr Gefallen daran, was zu einem großen Teil auch an den Kunden liegt, von denen einige zu Freunden werden.

Mir gefällt die ruhige Atmosphäre des Buches. Die Geschichte entwickelt sich langsam – ähnlich wie ein Brief verfasst wird. Es ist schön, Hyoyeong dabei zu begleiten, wie sie sich nach dem Abbruch der Ausbildung ein neues Leben aufbaut und zuletzt auch zu ihrer Schwester zurückfindet. Dabei spielen Briefe eine große Rolle. Manche davon stammen von Kunden der echten Letter Shops in Yeonhui und Seongsu, die ihre Briefe 2024 für diese Aktion eingereicht hatten. Das verleiht dem Roman noch mehr Authentizität.

Der Buchschnitt ist ein sogenannter „Rough Cut“, dessen Unregelmäßigkeit sehr gut zum Thema passt – handgeschrieben, individuell. Das Cover ist eines der schönsten, die ich je gesehen habe und zeigt eine junge koreanische Frau, die an einem Tisch sitzend einen Brief im Letter Shop verfasst. Für mich hat während der Lektüre auch die Zeit hin und wieder stillgestanden – ich habe mich in diesem Buch einfach wohl gefühlt: „Die Atmosphäre, die sie umgab, formte ihre Gedanken und ihren Charakter auf subtile Weise.“ (S. 223) Das empfand ich beim Lesen genau so für mich selbst. Von mir gibt es eine absolute Leseempfehlung für jeden, dem Briefe etwas bedeuten – wohl verdiente 5 von 5 Briefen.