Über die heilsame Kraft des Briefeschreibens

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naraya Avatar

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Hyoyeong hatte in der letzten Zeit einige Rückschläge zu verkraften. Zuerst platzt ihr Traum, Regisseurin zu werden und dann kommt auch noch ein Streit mit ihrer großen Schwester hinzu. Als ein alter Studienfreund ihr einen Job in seinem Briefladen in Seoul anbietet, nimmt sie widerwillig an. Doch schon bald beginnt sie, sich dort wohlzufühlen und die Stammkundschaft kennenzulernen. Soll sie sich einfach an diesem Ort neu einrichten oder noch einmal ihren großen Traum angehen? Und soll sie die unzähligen Briefe ihrer Schwester doch irgendwann beantworten?

„Der Briefladen, in dem die Zeit stillstand“ ist der Debütroman der koreanischen Schriftstellerin Baek Seungyeon und wurde von Sebastian Bring ins Deutsche übertragen. Im Fokus der Handlung steht die Protagonistin Hyoyeong, aus deren Sicht die Ereignisse erzählt werden. Da der Briefladen einen Service für anonyme Brieffreundschaften anbietet, sind auch immer wieder Briefe eingestreut, die Kund*innen in den dafür vorgesehenen Fächern platzieren. Auf diese Weise können wir deren Gedanken und Gefühle erfahren, ohne dass im Laden aktiv ein Gespräch darüber geführt werden muss.

Im Zentrum des Romans steht der Gedanke des Verzeihens. Was ist nötig, um Verletzungen loszulassen, die vielleicht schon viele Jahre alt sind? Hyoyeong muss ihrem ganz eigenen Weg finden, um ihrer Schwester vergeben zu können. Die Briefe, die im Laden geschrieben werden, Erlebnisse mit den Kund*innen und neu gefundene Freunde unterstützen sie dabei. Besonders wichtig sind hierbei der geduldige Ladenbesitzer Seonho und der Webtoon-Zeichner Yeonggwang, ein Stammkunde, der vielleicht auch mehr für Hyoyeong sein könnte.

Besonders schön fand ich die Idee der anonymen Brieffreundschaften. So finden sich zum Beispiel ein Schüler und ein erfolgreicher Geschäftsmann oder ein Popstar und ein trauernder Witwer. Sie alle schreiben über die grundlegendsten menschlichen Empfindungen: Liebe, Verlust, Angst, Selbstzweifel - und wir erleben, wie heilsam es sein kann, diese Emotionen zu Papier zu bringen und sie einer anderen Person anzuvertrauen. Ein wirklich schöner Roman über die Kraft des Briefeschreibens