Viel Potenzial, leider nicht ausgeschöpft.
Der Briefladen in dem die Zeit stillstand hat, nach Buchbeschreibung und Leseprobe, große Erwartungen in mir geweckt, die sich am Ende nicht so recht erfüllen wollten.
Es ist ein warmes, weiches, entschleunigtes und ruhiges Buch mit viel Gefühl und Herz, das spürt man deutlich, trotzdem konnte es mich nicht ganz abholen. Die Idee des Buches finde ich großartig. Die Protagonistin Hyoyeong verlässt nach einer schwierigen familiären Erfahrung ihr Elternhaus, um sich abzugrenzen und das emotionale Erbe ihrer Schwester hinter sich zu lassen. Auslöser hierfür sind vor allem Briefe, die ihre Schwester, die die Familie verlassen hat, ihr schreibt. Hyoyeong, die früher selbst leidenschaftlich geschrieben, ihre Verbindung zum Schreiben aber verloren hat, entwickelt eine starke Abneigung gegen Briefe und eine tiefe Blockade, ihre Empfindungen und Gedanken auf Papier fließen zu lassen. Doch beginnt sie nun, für ihren ehemaligen Kommilitonen Seonho in dessen Briefladen zu arbeiten, der ihr hilft, eine Wohnung in Seoul zu finden und ein eigenes Leben zu beginnen. Schnell wird deutlich, dass Hyoyeong noch viel lernen darf, um sich selbst besser kennenzulernen und Freundschaft mit sich selbst zu schließen. Die Charaktere sind sehr liebevoll und authentisch menschlich gezeichnet, vor allem Seonho, der ein regelrechtes Bollwerk gegen die Negativität unserer heutigen Zeit ist und auch seine Kinder so aufzieht, hat mein Herz im Sturm erobert.
Der Kern des von ihm ersonnenen Briefladens ist der Penpal Service, ein über den Laden organisierter anonymer Brieffreunde-Dienst, der mich sofort Feuer und Flamme hat werden lassen. Diese Idee war Anlass dafür, mich für ein Vorablesen Exemplar zu bewerben. Völlig unterschiedliche Menschen können im Laden Briefe schreiben und aussuchen und kommen so mit unterschiedlichsten Persönlichkeiten und deren Geschichten und Ideen in Kontakt und finden darin zum Teil tiefen Trost und ihre eigenen Gaben. Besonderes Highlight: die Briefe sind zugleich fiktiv und real; sie stammen aus einem Projekt, das die Autorin für das Buch ins Leben gerufen hat.
Darin liegt aber auch die Crux. Ausgerechnet die Briefe, die nun einmal einen Großteil des Herzstücks der Geschichte ausmachen, konnten mich nicht überzeugen. Nachdem ich zu Beginn bereits die Briefe von Hyomin, der erwähnten Schwester, sehr nichtssagend fand, habe ich doch auf den Hauptteil des Buches gehofft und zunächst darüber hinweggelesen. Als dann jedoch auch die restlichen Briefe eher kurz gehalten und, bis auf wenige wirklich schöne, berührende kleine Weisheiten, eher oberflächlich gestaltet blieben, war das doch enttäuschend. Ich habe mir wesentlich mehr erhofft. Auch mit der künstlerischen Gestaltung wurde m.E. viel Potenzial verschenkt. Im Buch werden der Briefladen und die besonderen, handverlesenen Briefpapiere sehr detailreich und umfassend beschrieben. Weder das Cover noch die inhaltliche Gestaltung des Buches setzen diese Beschreibungen jedoch entsprechend um. Gerade hier hätte man so viel Möglichkeit gehabt, Bilder aufzugreifen und weiter wachsen zu lassen. Das ist wirklich schade, weil so der halbe Zauber verloren geht.
Inhaltlich fiel es mir teilweise deshalb schwer, mich einzufinden, weil die kulturellen Unterschiede an verschiedenen Stellen immer wieder sehr stark greifbar werden und irritieren. Die asiatische Kultur ist vorwiegend geprägt von sehr starker Zurückhaltung, Höflichkeit bis Scheu oder sozialer Ängstlichkeit. Gerade in den Ballungsräumen der Großstädte sind Zahlen von Ängsten, Depressionen, Einsamkeit und Suizidalität mitunter extrem stark erhöht. Mit Seonho setzt die Autorin diesem eher distanzierten bis ängstlich geprägten mentalen Erleben zwar einen sehr starken Charakter entgegen, das finde ich wunderbar. Die anderen Protagonisten jedoch bringen diese starke Verunsicherung deutlich spürbar mit und sie zieht sich umfassend - auch in den Briefen - durch das Buch und muss erst einmal aufgelöst werden, um diese Schwere nicht mitzunehmen.
Als beispielsweise Hyoyeong einem Freund und Kunden Seonhos auf der Straße begegnet, reagieren beide mit starker Beklemmung, Verunsicherung und Ängstlichkeit. Man kenne sich noch nicht gut genug, um einander freundlich anzulächeln. Jeder Aspekt der Begegnung, der eigenen Wirkung und des eigenen Ausdrucks wird hinterfragt und bringt Sorge, Angst, Blockaden mit sich. In unserer Kultur so kaum vorstellbar. Der Autorin gelingt es außerordentlich gut, diese inneren Konflikte sichtbar zu machen, doch es bleibt für mich befremdlich.
Wie viel dessen am Ende aufgelöst werden kann, muss jeder Leser selbst herausfinden - das würde für mein Empfinden zu viel vorwegnehmen.
Zauberhaft finde ich die sehr auf sensorische Empfindungen, auf Wahrnehmung, bezogene Sprache. Das Wetter und das Gefühl sind umfassend Thema; doch nicht auf die bei uns so gebräuchliche Weise beständigen Beschwerens, sondern in einer ganz zartfühligen, annehmenden, poetisch-emotional verknüpften Weise. Das gefällt mir sehr gut. So finden beispielsweise der Duft des Sonnenlichts oder die Liebe zu regnerischem Wetter, das alle Ängste, Sorgen, das Grübeln wegspült, Erwähnung. Auch die verschiedenen Stimmungen des Lichts, Farben, die jahreszeitlichen Veränderungen in ihrem Fluss sind so auf sehr angenehme Weise Thema. Das fühlt sich richtig gut an.
Es ist insgesamt ein berührendes Buch mit einer ganz tollen Idee, deren Umsetzung mir nur leider zu flach geblieben ist. Da wäre wesentlich mehr möglich gewesen.
Es ist ein warmes, weiches, entschleunigtes und ruhiges Buch mit viel Gefühl und Herz, das spürt man deutlich, trotzdem konnte es mich nicht ganz abholen. Die Idee des Buches finde ich großartig. Die Protagonistin Hyoyeong verlässt nach einer schwierigen familiären Erfahrung ihr Elternhaus, um sich abzugrenzen und das emotionale Erbe ihrer Schwester hinter sich zu lassen. Auslöser hierfür sind vor allem Briefe, die ihre Schwester, die die Familie verlassen hat, ihr schreibt. Hyoyeong, die früher selbst leidenschaftlich geschrieben, ihre Verbindung zum Schreiben aber verloren hat, entwickelt eine starke Abneigung gegen Briefe und eine tiefe Blockade, ihre Empfindungen und Gedanken auf Papier fließen zu lassen. Doch beginnt sie nun, für ihren ehemaligen Kommilitonen Seonho in dessen Briefladen zu arbeiten, der ihr hilft, eine Wohnung in Seoul zu finden und ein eigenes Leben zu beginnen. Schnell wird deutlich, dass Hyoyeong noch viel lernen darf, um sich selbst besser kennenzulernen und Freundschaft mit sich selbst zu schließen. Die Charaktere sind sehr liebevoll und authentisch menschlich gezeichnet, vor allem Seonho, der ein regelrechtes Bollwerk gegen die Negativität unserer heutigen Zeit ist und auch seine Kinder so aufzieht, hat mein Herz im Sturm erobert.
Der Kern des von ihm ersonnenen Briefladens ist der Penpal Service, ein über den Laden organisierter anonymer Brieffreunde-Dienst, der mich sofort Feuer und Flamme hat werden lassen. Diese Idee war Anlass dafür, mich für ein Vorablesen Exemplar zu bewerben. Völlig unterschiedliche Menschen können im Laden Briefe schreiben und aussuchen und kommen so mit unterschiedlichsten Persönlichkeiten und deren Geschichten und Ideen in Kontakt und finden darin zum Teil tiefen Trost und ihre eigenen Gaben. Besonderes Highlight: die Briefe sind zugleich fiktiv und real; sie stammen aus einem Projekt, das die Autorin für das Buch ins Leben gerufen hat.
Darin liegt aber auch die Crux. Ausgerechnet die Briefe, die nun einmal einen Großteil des Herzstücks der Geschichte ausmachen, konnten mich nicht überzeugen. Nachdem ich zu Beginn bereits die Briefe von Hyomin, der erwähnten Schwester, sehr nichtssagend fand, habe ich doch auf den Hauptteil des Buches gehofft und zunächst darüber hinweggelesen. Als dann jedoch auch die restlichen Briefe eher kurz gehalten und, bis auf wenige wirklich schöne, berührende kleine Weisheiten, eher oberflächlich gestaltet blieben, war das doch enttäuschend. Ich habe mir wesentlich mehr erhofft. Auch mit der künstlerischen Gestaltung wurde m.E. viel Potenzial verschenkt. Im Buch werden der Briefladen und die besonderen, handverlesenen Briefpapiere sehr detailreich und umfassend beschrieben. Weder das Cover noch die inhaltliche Gestaltung des Buches setzen diese Beschreibungen jedoch entsprechend um. Gerade hier hätte man so viel Möglichkeit gehabt, Bilder aufzugreifen und weiter wachsen zu lassen. Das ist wirklich schade, weil so der halbe Zauber verloren geht.
Inhaltlich fiel es mir teilweise deshalb schwer, mich einzufinden, weil die kulturellen Unterschiede an verschiedenen Stellen immer wieder sehr stark greifbar werden und irritieren. Die asiatische Kultur ist vorwiegend geprägt von sehr starker Zurückhaltung, Höflichkeit bis Scheu oder sozialer Ängstlichkeit. Gerade in den Ballungsräumen der Großstädte sind Zahlen von Ängsten, Depressionen, Einsamkeit und Suizidalität mitunter extrem stark erhöht. Mit Seonho setzt die Autorin diesem eher distanzierten bis ängstlich geprägten mentalen Erleben zwar einen sehr starken Charakter entgegen, das finde ich wunderbar. Die anderen Protagonisten jedoch bringen diese starke Verunsicherung deutlich spürbar mit und sie zieht sich umfassend - auch in den Briefen - durch das Buch und muss erst einmal aufgelöst werden, um diese Schwere nicht mitzunehmen.
Als beispielsweise Hyoyeong einem Freund und Kunden Seonhos auf der Straße begegnet, reagieren beide mit starker Beklemmung, Verunsicherung und Ängstlichkeit. Man kenne sich noch nicht gut genug, um einander freundlich anzulächeln. Jeder Aspekt der Begegnung, der eigenen Wirkung und des eigenen Ausdrucks wird hinterfragt und bringt Sorge, Angst, Blockaden mit sich. In unserer Kultur so kaum vorstellbar. Der Autorin gelingt es außerordentlich gut, diese inneren Konflikte sichtbar zu machen, doch es bleibt für mich befremdlich.
Wie viel dessen am Ende aufgelöst werden kann, muss jeder Leser selbst herausfinden - das würde für mein Empfinden zu viel vorwegnehmen.
Zauberhaft finde ich die sehr auf sensorische Empfindungen, auf Wahrnehmung, bezogene Sprache. Das Wetter und das Gefühl sind umfassend Thema; doch nicht auf die bei uns so gebräuchliche Weise beständigen Beschwerens, sondern in einer ganz zartfühligen, annehmenden, poetisch-emotional verknüpften Weise. Das gefällt mir sehr gut. So finden beispielsweise der Duft des Sonnenlichts oder die Liebe zu regnerischem Wetter, das alle Ängste, Sorgen, das Grübeln wegspült, Erwähnung. Auch die verschiedenen Stimmungen des Lichts, Farben, die jahreszeitlichen Veränderungen in ihrem Fluss sind so auf sehr angenehme Weise Thema. Das fühlt sich richtig gut an.
Es ist insgesamt ein berührendes Buch mit einer ganz tollen Idee, deren Umsetzung mir nur leider zu flach geblieben ist. Da wäre wesentlich mehr möglich gewesen.