Eine Liebeserklärung an die Lyrik, verpackt in ein Dorf voller verletzter Bäume und schrulliger Nachbarn

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samu123 Avatar

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Louis spricht nicht viel. Er ist ein Koloss von einem Mann, breite Schultern, stille Hände und ein Herz, das viel zu leicht verletzt. Als sein kleines Kätzchen mit einem Tumor diagnostiziert wird, bricht in ihm etwas auf, genau in der Nacht, in der ein Jahrhundertsturm über die Provence hinwegfegt und den Garten seiner Nachbarn verwüstet. Zwei Katastrophen, eine drinnen, eine draußen und mittendrin ein Mann, der für seinen Schmerz keine Worte hat.

Schon nach den ersten Seiten war klar: Dieses Buch nimmt sich Zeit. Thomas Schlesser lässt seine Sätze atmen, beschreibt den Sturm mit einer Wucht, die mich frösteln ließ, und wechselt im nächsten Moment zu einer Zärtlichkeit, die mir fast das Herz zusammengezogen hat, etwa wenn Louis den Daumen sanft auf die kranke Stelle am Hals des Kätzchens legt, als könne er den Krebs allein durch Berührung vertreiben.

Und dann kommt Talie. Die pensionierte Literaturlehrerin zieht mit ihrem Verlobten Nikola ins Nachbarhaus, eine ehemalige Seidenraupenzucht, und bringt von der ersten Begegnung an einen ganz eigenen Wind mit, einen aus Versen. Trakl, Lorca, Éluard, Neruda: Talie streut die Gedichte wie beiläufig in ihre Sätze, und man spürt, wie Louis, der „kaum zur Schule gegangen" ist, sich langsam öffnet. Die Szene, in der sie ihm die tragische, fast schockierende Geschichte von Georg Trakl erzählt, während er nur staunend zuhört und Kaffee nachschenkt, hat mich sofort für diese Figur eingenommen, so eigenwillig, so warmherzig, so unwiderstehlich redselig.

Besonders berührt hat mich das Telefonat mit der jungen Tierärztin Julia, die Louis über Lévi-Strauss und ein Gedicht von Malherbe trösten möchte. Diese Verbindung aus Anthropologie, Poesie und ganz konkreter Sorge um ein krankes Tier zeigt, wie klug Schlesser seine Themen verwebt: Es geht um Sprachlosigkeit, um die heilende Kraft der Worte und darum, wie Poesie manchmal genau dann auftaucht, wenn man sie am wenigsten erwartet und am meisten braucht.

Nach dieser Leseprobe bin ich mir sicher: Der Gärtner und die Katze wird eine Geschichte, die leise beginnt und tief nachhallt, eine Liebeserklärung an die Lyrik, verpackt in ein Dorf voller verletzter Bäume, schrulliger Nachbarn und einem Mann, der gerade erst lernt, seine eigene Sprache zu finden.