Der zweite Teil wird fieberhaft herbeigesehnt

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luckylucy Avatar

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„Der geheime Apfelgarten – Getrennte Welten“ ist der Auftakt der historischen Dilogie Elbinsel-Saga von Rebekka Eder.
Die junge Kea Loop träumt davon auf Finkenwerder den verfallenen Apfelgarten ihrer verstorbenen Mutter wiederzubeleben. Unterstützung bei ihrem Vorhaben findet sie überraschend in Kristen, einem Knecht der verfeindeten Nachbarn Rentfeld. Trotz des Standesunterschiedes entwickeln die beiden bald Gefühle füreinander. Doch ihr Stand, der verheerende Ausbruch der Cholera und die Grenzschließung zwischen Hamburg und Preußen trennen sie voneinander. Schließlich liefert Keas Vater Kristen auch noch der Polizei ans Messer und will seine Tochter mit dem ihr verhassten Rentfeld Sohn Tamme verheiraten. Kann Kea Kristen mithilfe ihrer Freunde Rosa und Willi in Sicherheit bringen und gleichzeitig der geplanten Hochzeit entgehen?
Das Cover zeigt die Rückansicht einer nach der Mode Ende des 19. Jahrhunderts gekleidete Frau, die durch einen einladenden Apfelgarten streift. Obwohl das Cover deutlich harmonischer erscheint, als es der Inhalt des Romans über weite Teile wirklich ist, wirkt es doch sehr stimmig.
Rebekka Eders Schreibstil ist geprägt von einer herrlich bildhaft-lebendigen Atmosphäre und liest sich ausgesprochen flüssig. Sie führt ihren Lesern die Insel und vor allem den verwunschene, recht verwilderte Apfelgarten regelrecht vor Augen, sodass man meint die Blumen riechen zu können ebenso wie den unheilvoll fauligen Geruch, der die Cholera begleitet oder auf Stelzen durch den Schlamm zu waten. Ähnlich verhält es sich mit der oftmals angespannten Stimmung zwischen den verschiedenen Charakteren, die sie fein differenziert beschreibt und den schrecklichen Ereignissen der Cholera-Epidemie. Am Anfang habe ich zwar noch einige Seiten gebraucht, um mich so richtig auf das Buch einzulassen, dann hat es mich aber von Seite zu Seite mehr in seinen Bann gezogen – für mich ein echter Pageturner. Durch zahlreiche Andeutungen dunkler Geheimnisse, einige völlig unberechenbare Figuren und die kaum vorhersehbaren Wendungen im Handlungsverlauf ist der Roman für sein Genre überaus spannend. Obwohl in der 3. Person erzählt wird, fühlt man sich mit den jungen Protagonisten sehr verbunden, hofft, bangt und leidet mit ihnen. Da von den zahlreichen Geheimnissen nur wenige aufgelöst werden und auch die Zukunft vieler Figuren vollkommen ungewiss ist, ist das Lesen des zweiten Teils der Dilogie unumgänglich.
Zu den Figuren zählen vor allem die beiden reichen aber verfeindeten Vollhöfnerfamilien Rentfeld und Loop. So sympathisch die Protagonisten auch sind, gilt dies lang nicht für alle Figuren des Romans, was für eine spannende mitunter konfliktträchtige Mischung sorgt. Familienoberhaupt Oskar Rentfeld bewirtschaftet die Obstplantagen der Familie und baut außerdem eine Pferdezucht auf. Er ist in seinem Handeln vollkommen skrupellos, demütigt mit Vorliebe Angestellte und Frauen und neigt zur Gewalt. Sein Sohn Tamme wünscht sich vor den Augen des Vaters endlich bestehen zu können und eifert ihm, immer seinen Vorteil im Blick, nach. Er hat es sich in den Kopf gesetzt, die unerschrockene Kea Loop zu heiraten und gefügig zu machen. Erna Rentfeld nimmt das Gebaren ihres Mannes und Sohns seit Jahren stoisch hin, obwohl sie sich im Stillen doch eine Meinung bildet. Nicht nur sie allein birgt ein großes Geheimnis. Jakob Loop hat sich der Pferdezucht verschrieben und ist der reichste Mann auf Finkenwerder. Er lebt auf dem preußischen Teil der Insel und ist seit vielen Jahren Witwer. Die Umstände des Todes seiner Frau sind nur wenigen Menschen bekannt und machen ihn offenbar erpressbar. Obwohl er sein Personal gerecht behandelt und sich auch für Schwächere einsetzt, ist er seiner Tochter gegenüber oft unberechenbar und aufbrausend. Keas fast gleichaltrige Hamburger Cousine Rosa wirkt ein wenig steif und trägt ebenfalls ein Geheimnis mit sich. Sie hat eine sehr gute Erziehung genossen und hält zunächst viel von gesellschaftlichen Konventionen. An der Seite der unkonventionellen Kea legt sie allerdings schnell einen Teil ihrer Bedenken ab und ist bereit Risiken einzugehen für diejenigen, die sie liebt. Kea selbst ist ein wenig eigenbrötlerisch, dabei aber sehr sympathisch. Sie liebt ihre Freiheit und hasst gesellschaftliche Zwänge. Im Gedenken an ihre verstorbene Mutter erweckt sie heimlich voller Elan den verbotenen Apfelgarten zu neuen Leben. Ihre verbotene Gefühle für Kristen stellen sie vor eine Herausforderung, denn der steht nicht nur am anderen Ende der gesellschaftlichen Ordnung, sondern lebt obendrein auch noch im Hamburger Teil der Insel. Kristen ist als Häusling ohne Vater in Armut geboren und hat bereits als Kind begonnen für die Familie Rentfeld zu arbeiten. Er kümmert sich aufopferungsvoll um seine Mutter und seinen 11-jährigen Cousin Willi, der nach einem Schicksalsschlag als Waise in der Welt steht. Obwohl er sich bewusst ist, dass eine Verbindung unmöglich ist, verliebt er sich ebenfalls in Kea und geht damit ein großes Risiko ein.
Insgesamt ist „Der geheime Apfelgarten“ ein wundervoller historischer Roman, der mir sehr viel Lesefreude bereitet hat und den ich für absolut empfehlenswert halte. Ich bin unheimlich gespannt wie sich die vielen ungelösten Probleme weiterentwickeln und kann es kaum erwarten bis im April 2027 der zweite und abschließende Band erscheint.