Zwischen Meeresrauschen und Verschwiegenem

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nathalielamieux Avatar

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Die Leseprobe von Trude Teiges „Der Gesang der See“ wirkt wie ein stiller, eindringlicher Einstieg in eine vielschichtige Familiengeschichte. Schon auf den ersten Seiten fällt die besondere Atmosphäre auf: Die norwegische Küste, das Meer und das Dorfleben sind sehr bildhaft geschildert. Man spürt sofort die Mischung aus Enge, Tradition und unausgesprochenen Dingen, die über allem liegt.

Die Hauptfigur (so weit man sie aus der Probe kennenlernt) wirkt nachdenklich und von ihrer Vergangenheit geprägt. Es gibt Andeutungen von Verlust, alten Wunden und Geheimnissen, ohne dass schon viel erklärt wird. Gerade dieses Andeutende macht den Reiz der Leseprobe aus: Man merkt, dass da etwas Schweres in der Vergangenheit liegt, aber man weiss noch nicht genau, was – und das weckt Neugier.

Stilistisch kommt der Text ruhig, beinahe zurückhaltend daher. Teige arbeitet eher mit leisen Tönen als mit spektakulären Szenen. Das Tempo ist gemächlich, sodass man Zeit hat, sich in die Umgebung und die Stimmung einzufühlen. Wer schon in der Leseprobe etwas Anspruch auf Action erwartet, könnte das als langsam empfinden; wer atmosphärische, charakterorientierte Geschichten mag, wird wahrscheinlich gerade das schätzen.

Insgesamt hinterlässt die Leseprobe den Eindruck eines nachdenklichen Romans über Vergangenheit, Familie und das, was unausgesprochen zwischen Menschen steht. Da ich nur diesen Ausschnitt kenne, kann ich nichts über die spätere Entwicklung, die Spannungskurve oder die Auflösung sagen – aber der Beginn macht neugierig auf das, was noch kommen könnte. Die anderen drei Bücher von ihr haben mich jedenfalls begeistert und ich habe hier richtig gute Erwartungen!