Voller Wunder und Wucherungen

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Ein wunderschöne Ausgabe vom Dumont-Verlag – ein gewaltiger Leuchtturm, der der Brandung und den Gezeiten trotzt, dazu der passende Name von Michael Pedersen, einem jungen schottischen Lyriker, Wortakrobaten und Poetry-Slammer. Schon die ersten Sätze ziehen einen in den Bann des Romans, es geht um den gotischen Glanz der Wohnquartiere auf der Insel Muckle Flugga und die Wunden des tobenden Meeres, um hingebungsvoll trauernde Bewohner (Vater und Sohn), um ein ureigenes Zuhause, dessen Boden mit Blut gewürzt ist und die Erinnerungen an die verstorbene Mutter sind in den Himmel gekiltet.
Ein klangvoller, durchaus schöner Beginn, aber so geht es auch weiter und was mich am Anfang in Entzückung versetzt hat, wird spätestens nach den ersten 50 Seiten einfach nur anstrengend und teilweise sogar zur Qual. Es ist noch nicht viel passiert, wird aber dramatisch und ergreifend geschildert, es passiert überhaupt nicht sehr viel, aber die wahrhaft heroischen und vor Metaphern schon fast triefenden Beschreibungen bleiben. Immer wieder blitzen gekonnt sprachliche Bilder auf, bestechen originelle Einfälle und die oben genannte Sprachakrobatik, but it’s a little bit too much.
Eigentlich ist es eine berührende Geschichte vom festgefahrenen, erstarrten Vater, ein Mann der Tat, der von seinem Sohn erwartet, dass er in seine Fußstapfen als Leuchtturmwärter tritt. Dieser, Ouse genannt, ist aber ganz anders, ein Sympathieträger, weich und mit sanften Zügen, strickt gerne und besieht sich die Natur. Und eine dritte Figur bringt die angespannte Zweisamkeit vollends durcheinander – das (Un)-Glück von außen, der Autor und Schöngeist Firth, der aber mit seinem Erscheinen auf der Insel seine eigenen Probleme und Besonderheiten mit sich bringt. Eine Dreieckskonstellation, die die Beziehungen durcheinanderwirbelt, alles verändert, auf die Probe und in Frage stellt.
Die Handlung lässt sich schnell erzählen, Pedersen schafft es allerdings mit seiner wahrhaft klangvollen und besonderen Sprache den Roman auf 380 Seiten anwachsen zu lassen. Ob ihm das zugute kommt, bleibt fraglich.