Bildreiche Erzählung

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
marieon Avatar

Von

Noah steht auf dem Dach und beobachtet seine Tauben. Anders als sonst schließen die nervösen Vögel Allianzen mit fremden Gruppen. Er setzt den Lockvogel auf den Zaun und sieht seine Tauben zurückfliegen. Ein donnerndes Dröhnen erklingt, dann sieht Noah direkt vor sich, wie sich die Rotorblätter zweier Hubschrauber in den Himmel schrauben. Er könnte den Piloten winken, so nah sind sie, aber das ist keine gute Idee. Das Ehepaar, zwei seiner Tauben fehlen. Während er den Blick über den Himmel schweifen lässt, sieht er die schwarze Rauchsäule und weiß, dass er zurückmuss, dass sein Vater ihn braucht.

Gerade biegt er in die Gasse, die ihn in die Hektik des Basars führt und da sieht er am Rand der Medina den Rauch, noch bevor er ihn in die Augen beißt. Drei Männer in schlichten Uniformen mit geschulterten Gewehren werfen Poster, Kleidung und Zigaretten ins Feuer. Viele Menschen stehen drumherum, keiner sagt etwas.

Es ist ein Schauspiel, dessen Premiere alle erwartet haben – der Tag, an dem die Reinheit des Glaubens alle unislamischen Farben und Formen verschlingen soll. S. 9

Sein Vater sitzt zusammengesunken vor seinem Laden. Das Gesicht einst voller Wärme und Stolz, jetzt faltig und blass. Die Religionspolizei hat ihn mit mehreren Auflagen belegt. Die Puppen im Schaufenster hat er schon umgezogen, sie tragen jetzt Niqabs. Die fröhlichbunte Kleidung aus den schönsten Stoffen musste den traditionellen schwarzen Gewändern weichen. Jetzt müssen sie Gesichter, Haare und Haut auf den Verpackungen schwärzen und sie haben nicht viel Zeit.

Fazit: Abbas Khider, mehrfach ausgezeichneter Autor, schreibt über sein Heimatland Irak. Sein 14- jähriger Protagonist erzählt von seiner Familie. Sein Vater, der Kleider verkauft und nun einsieht, dass er besser bei Teppichen geblieben wäre. Seine Mutter und Schwester, die das Haus nicht mehr verlassen dürfen, sein älterer Bruder, über den niemand spricht und sein Onkel, der anders ist und ihm Halt und Stabilität gibt, in einer Welt, die sich rasend schnell verändert. Im Kalifat herrschen jetzt die Mudschaheddin, bewaffnete Männer mit Rauschebart, die alles verbieten, was Spaß macht. Zigaretten, Alkohol, Musik und Mobiltelefone. Jesiden verschwinden spurlos, Propagandafilme geistern durch die wenigen Sender. Mit zarter Sprache und melodiösem Satzbau lässt Abbas Khider mich diese Gewaltherrschaft miterleben. Als wäre ein Leben ein beschriebenes Blatt Papier, das in der Mitte durchgerissen, zu kleinen Schnipseln verarbeitet und vom Wind davongetragen wird., wie die Tauben, die Noah züchtet. Eine Geschichte voller Verluste, in einer Art erzählt, die mich völlig vereinnahmt hat. Ich bin dankbar und begeistert, dass immer mehr orientalische Autor*innen die richtigen Worte finden, uns die humanitären Katastrophen in ihren Heimatländern nahe zu bringen. Dieses Buch mochte ich sehr. Für alle, die Deniz Utlu, Behzad Karim Khani oder Necati Öziri lesen.