Das Ende der Freiheit

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rockchickdeluxe Avatar

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Noah ist 14 als das Kalifat dem Sommer die Leichtigkeit nimmt. Der Flug seiner Tauben wird unruhig, denn über der Stadt kreisen die Helikopter des Regimes.

Das alte Leben wird verbrannt, die Farben, die Musik, die Freizügigkeit, stattdessen steigt dunkler Rauch auf. Das sogenannte Auto des Kalifats bringt unermüdlich neue Verbote in die Stadt: Musik, Zigaretten, Handys, Normalität. Alles ist anders. Und alles kann gefährlich sein.

In knapper und doch poetischer Sprache entsteht ein Bild eines Alltag in jenem Sommer, als der Schrecken kam. Noah ist nicht einverstanden mit der Bedrohung und der Willkür, aber jeder Gedanke in Richtung Widerstand bedeutet Lebensgefahr.

Unerbittlich zeigt Abbas Khider, wie das totalitär Regime ins Private eindringt, wie eine politische Haltung plötzlich unausweichlich wird. Die Tauben des jungen Taubenzüchter werden Sinnbild und Booten der Freiheit zugleich.

Noahs Schwester Suad hat Betriebswirtschaft studiert, arbeitet in der Stadtverwaltung. Sie heiratet, wird schwanger. Dann kommt das Kalifat, der Bruder ist Leiter der Sicherheitskräfte, Frauen dürfen nicht mehr arbeiten, Mutter und Schwester nicht mehr allein aus dem Haus. Der Schwager verschwindet, die Hoffnung auch.

Der Sommer wird in den Käfig gesperrt, den Tauben werden die Flügel gestutzt. Aber Tauben sind anpassungsfähig und lernen schnell, eine neue Realität zu akzeptieren. Aber Menschen? Wie können Menschen sichtbar bleiben im Verborgenen und unter Schleiern?

Die Tauben sind eng verknüpft mit der Veränderung in Noahs Leben. Humorvoll und mit viel Empathie, Innensicht und Scharfsinn schreibt Abbas Khider über das Ende der Unbeschwertheit. Er stellt die große Frage, wie es gelingt, in einem von Gewalt und Willkür geprägten Gefüge Mensch zu bleiben und Verantwortung zu übernehmen. Der Verlust der Freiheit schmerzt, aber was ist es wert, das eigene Leben zu riskieren?

Was wäre ich ohne die Literatur? Ohne den Blick in andere Kulturen, andere Welten, andere Gedanken? Der letzte Sommer der Tauben beflügelt und lässt Raum für die Freiheit der eigenen Gedanken. Es ist frech und wild, leise und traurig, intelligent, ironisch und stark. Und es riecht nach den wunderbaren Gerichten Arabiens.

Danke an vorablesen und den hanserverlag für das Rezensionsexemplar. Ich will mehr davon.