Das Fliegen nicht verlernen
In „Der letzte Sommer der Tauben“, dem neuen Roman von Abbas Khider, erschienen 2026 im Carl Hanser Verlag, beschreibt der Autor überraschend sanft, wie die Welt sich verändert, wenn das Kalifat den Menschen die Flügel stutzt. Auf etwas über 200 Seiten, in kurzen Kapiteln, sehen die Lesenden hilflos dabei zu, wie sich die Schlinge immer enger zieht und eine strenge Religionsauslegung zu immer mehr Absurditäten führt – bis die Religion, die den Menschen doch heben und schützen sollte, ihn immer mehr in ein enges Regelwerk einsperrt und begrenzt.
Wir folgen dem jungen Noah, der, 14 Jahre alt, eigentlich gerade im besten Alter für Blödsinn und Schelmenstreiche ist, der sich selbst gern hungrig ins Leben stürzen würde, aber stattdessen Erfahrungen machen muss, die man niemandem wünscht. Khider findet klare und eindrückliche Bilder, direkt am Anfang des Buches, wenn Noah mit seinem Vater gemeinsam im von der Familie betriebenen Bekleidungsgeschäft sämtliche Abbildungen auf Verpackungen schwärzen muss, damit keine weibliche Haut, keine Haare mehr zu sehen sind. Mit einem schwarzen Stift bemalt Noah schwarze Haare, formt Individualität in ein Schema. Ein Sinnbild für viele weitere Maßnahmen, die im Verlauf des Buches das Leben erdrücken und sogar die Träume nur noch düster machen.
Dabei grenzt das Kalifat spürbar vor allem die Frauen immer mehr ein, die ihre Freiheit komplett verlieren. Doch auch die Männer spüren starke Auswirkungen, Schulen werden geschlossen, Tätigkeiten verboten, Kunst, Kultur, Musik, all das nur noch Vergangenheit, das Misstrauen wohnt überall. Die starren Regeln zerstören Familien, auch durch Noahs Familie geht ein Riss, Freundschaften werden aufgelöst, Umerziehungslager verändern gerade junge Menschen komplett, vor allem steht aber über allem die andauernde Angst, etwas falsch zu machen. So wird auch Noah im Verlauf der Geschichte immer nervöser und traut sich kaum noch aus dem Haus.
Sinnbildlich schweben über allem die Tauben. Noah hat, wie viele in seinem Ort, eine Taubenzucht auf dem Dach. Täglich lässt er die Tauben aufsteigen und zurückkehren, betrachtet er vom Dach aus die Welt. Bis eines Tages auch die Taubenzucht auf dem Dach verboten wird und die Tauben die Schwungfedern gestutzt bekommen, um von nun an am Boden zu leben, im Hof, wie Hühner. Sie tragen so bildhafte Namen wie Regenbogen und Tänzer, Schneeweiß und Himmelblau, eine kaum zu ertragende Poesie, die hier zum Bodendasein verdammt wird. 24 Tauben sind es, vielleicht eine Anspielung auf die 24. Sure An-Nur, in der sich auch schon abbildet, wie harte Regeln und Licht nebeneinander stehen – es ist eine Frage der Lesart und der Auslegung, wie man auch das Kalifat nicht mit dem Islam verwechseln darf.
Khider schont seine Leser:innen nicht, zeigt Steinigung und Pranger, Zwangsheirat und Gefängnis und ehrlich schenkt er kein Happy End, nur eine Projektion von Hoffnung an den Himmel – doch wann dieser Himmel wirklich Erlösung bringen wird, bleibt offen. Ein starkes Buch, von dem ich mir gewünscht hätte, dass es den Frauen noch mehr Stimme verliehen hätte, die sich doch etwas sehr leise in ihr Schicksal fügen. Dennoch auf jeden Fall die Lesereise sehr wert.
Ein großes Dankeschön an vorablesen.de und den Carl Hanser Verlag für das Rezensionsexemplar!
Wir folgen dem jungen Noah, der, 14 Jahre alt, eigentlich gerade im besten Alter für Blödsinn und Schelmenstreiche ist, der sich selbst gern hungrig ins Leben stürzen würde, aber stattdessen Erfahrungen machen muss, die man niemandem wünscht. Khider findet klare und eindrückliche Bilder, direkt am Anfang des Buches, wenn Noah mit seinem Vater gemeinsam im von der Familie betriebenen Bekleidungsgeschäft sämtliche Abbildungen auf Verpackungen schwärzen muss, damit keine weibliche Haut, keine Haare mehr zu sehen sind. Mit einem schwarzen Stift bemalt Noah schwarze Haare, formt Individualität in ein Schema. Ein Sinnbild für viele weitere Maßnahmen, die im Verlauf des Buches das Leben erdrücken und sogar die Träume nur noch düster machen.
Dabei grenzt das Kalifat spürbar vor allem die Frauen immer mehr ein, die ihre Freiheit komplett verlieren. Doch auch die Männer spüren starke Auswirkungen, Schulen werden geschlossen, Tätigkeiten verboten, Kunst, Kultur, Musik, all das nur noch Vergangenheit, das Misstrauen wohnt überall. Die starren Regeln zerstören Familien, auch durch Noahs Familie geht ein Riss, Freundschaften werden aufgelöst, Umerziehungslager verändern gerade junge Menschen komplett, vor allem steht aber über allem die andauernde Angst, etwas falsch zu machen. So wird auch Noah im Verlauf der Geschichte immer nervöser und traut sich kaum noch aus dem Haus.
Sinnbildlich schweben über allem die Tauben. Noah hat, wie viele in seinem Ort, eine Taubenzucht auf dem Dach. Täglich lässt er die Tauben aufsteigen und zurückkehren, betrachtet er vom Dach aus die Welt. Bis eines Tages auch die Taubenzucht auf dem Dach verboten wird und die Tauben die Schwungfedern gestutzt bekommen, um von nun an am Boden zu leben, im Hof, wie Hühner. Sie tragen so bildhafte Namen wie Regenbogen und Tänzer, Schneeweiß und Himmelblau, eine kaum zu ertragende Poesie, die hier zum Bodendasein verdammt wird. 24 Tauben sind es, vielleicht eine Anspielung auf die 24. Sure An-Nur, in der sich auch schon abbildet, wie harte Regeln und Licht nebeneinander stehen – es ist eine Frage der Lesart und der Auslegung, wie man auch das Kalifat nicht mit dem Islam verwechseln darf.
Khider schont seine Leser:innen nicht, zeigt Steinigung und Pranger, Zwangsheirat und Gefängnis und ehrlich schenkt er kein Happy End, nur eine Projektion von Hoffnung an den Himmel – doch wann dieser Himmel wirklich Erlösung bringen wird, bleibt offen. Ein starkes Buch, von dem ich mir gewünscht hätte, dass es den Frauen noch mehr Stimme verliehen hätte, die sich doch etwas sehr leise in ihr Schicksal fügen. Dennoch auf jeden Fall die Lesereise sehr wert.
Ein großes Dankeschön an vorablesen.de und den Carl Hanser Verlag für das Rezensionsexemplar!