Der letzte Sommer der Tauben in Freiheit

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merleredbird Avatar

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Dieses Buch klang super interessant, und da ich noch ein kurzes Hörbuch gesucht habe für Ende Januar, habe ich mich dafür entschieden. Das Buch hat knapp 200 Seiten, das Hörbuch ging 4 Stunden und die kurzen Kapitel sind auch alle in einfacher Sprache verfasst (passend zur Perspektive des 14-jährigen Protagonisten Noah), sodass sich das Buch schnell lesen lies.

Durch Noahs Augen erleben wir mit, wie die totalitäre Herrschaft im Kalifat mit seinen Vorschriften das Leben der Bevölkerung verändert. In diesem Buch wird bewusst kein konkretes Land oder eine Stadt genannt, es bleibt somit zeitlos und frei für Interpretationen.

Die Entwicklungen spielen sich auf verschiedenen Ebenen ab. Vom Schwärzen von Frauenkörpern in Prospekten (im Laden des Vaters) und der Verhüllung von Frauen und dem Ausschluss der Gesellschaft (seine Schwester), Verbot von Zigaretten und anderen Konsumgütern sowie Zwang zum Gebet (sein Vater), reelle Verhaftungen und Angst vor Hinrichtungen (sein Schwager und sein Onkel) bis hin zu Einschränkungen bei der Taubenzucht (seinem Hobby). Alle Personen, alle Facetten des Alltags sind betroffen.

Die Tauben, die Noah züchtet, sind fast wie eine Metapher für die Menschen vor Ort. Sie dürften erst frei fliegen und dann irgendwann nicht mehr. Sie werden zur Kommunikation von geheimen Widerständen genutzt, aber das wird unterbunden und evtl. werden sie getötet. Und auch wenn manche Tauben das Leben in Freiheit noch kannten: sie werden sich vermehren und der Generationenwechsel wird kommen, sodass es irgendwann nur noch Tauben gibt, die den freien Himmel nicht mehr kennen und sich an das Leben in Gefangenschaft gewöhnt haben…

Auch wenn ich das Buch an sich gut fand, besonders weil klar ist, dass der Autor viel aus seiner eigenen Kindheit im Irak gekannt haben wird, habe ich mir irgendwie mehr erhofft. Es ist eine leise Handlung, ein relativ blasser Protagonist, man erahnt viel, von dem was passieren wird (wenn man sich realer Entwicklungen bewusst ist). Nicht jede Unterdrückungsgeschichte muss in meinen Augen mit schockierenden Plottwists daherkommen, aber zumindest auf Seite der Charaktere hätte ich mir mehr Emotionalität gewünscht. Der Schreibstil des Autors ist jedoch sehr schön und ich kann mir auf jeden Fall vorstellen, noch mal etwas von ihm zu lesen.

Insgesamt gebe ich 3,5 von 5 Sternen. Für Personen, die schon öfters sich literarisch mit Geschichten aus der Maschrek/MENA-Region beschäftigt haben, wird es wahrscheinlich wenig inhaltlich neue Einblicke geben und auch wenn die Perspektive eines Jugendlichen auf die Veränderungen ein spannender Ansatz ist, fand ich Noah etwas blass.