Die Freiheit von Mensch und Tier

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
christian1977 Avatar

Von

Der 14-jährige Ich-Erzähler Noah widmet sich der Taubenzucht voller Leidenschaft. Zusammen mit seinem Onkel Ali kennt er jede Eigenschaft, jeden Charakterzug seines Schwarms. Als dröhnende Helikopter die Ruhe über der Stadt zerreißen, geraten die Tiere in Panik, zwei von ihnen verschwinden sogar. Für Noah ist diese Unruhe nur ein erster Hinweis auf die Veränderungen, die er in diesem Sommer erleben wird. Denn die Hubschrauber gehören dem Kalifat, das jüngst die Kontrolle über die Stadt übernommen hat…

"Der letzte Sommer der Tauben” ist der neueste Roman von Abbas Khider, der bei Hanser erschienen ist. Khider erzählt darin, was es heißt, in einem selbsternannten Gottesstaat zu leben. Welche Veränderungen sich daraus ergeben, für die Menschen, aber auch für die Tiere. Denn letztlich geht es in dem Buch nicht nur um den letzten Sommer der Tauben, sondern auch um Noahs letzten Sommer der Kindheit.

Bei jedem neuen Roman von Abbas Khider muss man sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass der Autor erst seit gut 25 Jahren in Deutschland lebt. Es ist schlichtweg bemerkenswert, wie einfühlsam und präzise es Khider gelingt, in einer Sprache zu schreiben, die nicht seine Muttersprache ist. Denn “Der letzte Sommer der Tauben” glänzt insbesondere sprachlich. Bilder wie “die Blätter zittern, als wäre selbst das Papier vor dem Inhalt auf der Flucht” oder “die Worte sind wie Steine, die in einen stillen See fallen” sind so voller Kraft, dass man sie als Leser kaum vergessen kann. Als “poetisch und parabelhaft” bezeichnet der Klappentext den Roman. Und es ist erstaunlich, wie handlungsorientiert der Roman bei aller Poesie geworden ist.

Ob Frauenrechte, Zwangsheirat, Widerstand, Freiheit und natürlich Tauben - trotz der gerade einmal noch dazu sehr luftig bedruckten 215 Seiten schafft es Abbas Khider, ein ganzes Füllhorn an Themen in “Der letzte Sommer der Tauben” zu integrieren. Dabei wirkt der Roman keinesfalls überfrachtet, denn die kurzen und prägnanten Kapitel schauen eher schlaglichtartig auf die Entwicklungen. Was Roland Schimmelpfennig einst mit seinem Debütroman “An einem klaren, eiskalten Januarmorgen…” als Ziel verfolgte, gelingt jedenfalls auch Khider mühelos: die Literatur von der Geschwätzigkeit zu befreien.

Bei der Figurenentwicklung lässt Khider bewusst Lücken, weil er seiner Leserin vertraut. So kann man sich selbst erschließen, wie es beispielsweise zur drastischen Entwicklung bei Noahs bestem Freund Mohamed kommt. Hervorzuheben ist dabei die Ambivalenz der Figuren, die nicht in stumpfen Schwarz-Weiß-Tönen daherkommen. Hier sei insbesondere Noahs Bruder Bakir zu erwähnen, der längst eine führende Rolle im Kalifat eingenommen hat. Trotz der Schwere des Themas schafft es Abbas Khider außerdem, immer wieder auch feine humorvolle Akzente zu setzen.

Und auch an anderen Stellen spielt der Autor mit besagten Lücken, um die Allgemeingültigkeit seines Textes zu untermauern. Zwar deutet einiges darauf hin, dass es sich beim Handlungsort um eine kleinere irakische Stadt im Jahre 2014 handelt, als der sogenannte Islamische Staat im Land ein Kalifat errichtete, doch Khider nennt weder Namen noch Jahreszahlen. Selbst der klug gewählte Name des Protagonisten trägt zu dieser Allgemeingültigkeit bei. Denn der Ich-Erzähler heißt eben nicht Nuh und auch nicht Mohamed oder Ali, sondern Noah - ein Name, der sich nicht auf den Islam beschränkt, sondern eine genauso große Bedeutung im Judentum und im Christentum hat. Und auch dessen Nachname Derwisch kommt natürlich nicht von ungefähr, so rastlos, wie sich die junge Hauptfigur und vor allem auch sein Onkel Ali präsentieren. Von herausragender Doppeldeutigkeit ist zudem das letzte, besonders bewegende Kapitel, welches die Leserschaft in mehrfacher Hinsicht fordert.

Und auch wenn der dargestellte Kontrast zwischen dem Symbol der Tauben und dem Leben in einem totalitären System manchmal ein wenig überstrapaziert wirkt, kann man das dem Roman kaum vorwerfen. Denn insgesamt ist “Der letzte Sommer der Tauben” ein sprachlich und thematisch beeindruckendes Werk, das zeigt, dass Freiheit das höchste aller menschlichen Güter sein muss. Jederzeit und überall.