Die Schreckensherrschaft der Mudschahedin

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federfee Avatar

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Dichte Erzählung über die Herrschaft des Kalifats, Auswirkungen auf Familie, Nachbarn und Gesellschaft - kritisch, poetisch, ironisch

Für mich ist es ein Meisterwerk der Erzählkunst, ein Buch, das mich von der ersten Seite an fasziniert hat und das ist bis zum Ende so geblieben. Auf nur gut 200 Seiten mit Kapiteln, die ebenso kurz wie die Sätze sind, aber nie eintönig, entfalten sich dicht miteinander verwobene Themen, die über das Vordergründige weit hinausgehen, die das traurige Schicksal einer Familie eher sachlich als emotional erzählen und deutlich machen, wie die totalitäre Herrschaft der Mudschahedin Familien, die Nachbarschaft und die Gesellschaft zerstört. Hier darf man ruhig weiterdenken und es auf andere totalitäre Regime anwenden.

Wir erfahren durch die Augen und die Gedanken des 14-jährigen Noah, wie durch die Ausrufung des Kalifats, durch das totalitäre Regime der Mudschahedin, das normale alltägliche Leben unmerklich und dann immer schneller verändert wird. Alle westlichen Einflüsse sollen völlig aus dem Leben verbannt werden; Bücher, Zigaretten und vieles mehr wird verbrannt, Handys eingezogen. Bespitzelung ist an der Tagesordnung; Informanten gibt es an jeder Ecke. Alle kleinen Freuden werden den Menschen genommen: es darf nicht mehr geraucht werden, klassische arabische Musik wird verboten (‘Klänge des Teufels’) u.v.m. Schlimmer noch: es gibt öffentliche Bestrafungen bis hin zu grausamen Steinigungen.

‘Vieles, was einst selbstverständlich war, ist heute ein Verbrechen.’ (68)

Noah ist ein gewitzter, intelligenter Junge, ein leidenschaftlichr Taubenzüchter, der diese Veränderungen genau beobachtet. Der Vater muss in seinem Bekleidungsgeschäft alle Verpackungen schwärzen, bis nur noch die Augen zu sehen sind. Die Mutter und ihre schwangere Tochter Suad dürfen das Haus nur noch in Begleitung und im Niqab verlassen, schon gar nicht einen Beruf ausüben - so wie alle Frauen. Der Ehemann von Suad war spurlos verschwunden, scheint sich aber in einem Umerziehungslager zu befinden.

Alle Familienmitglieder, auch die Nebenpersonen, bilden eine Möglichkeit ab, auf die Gewaltherrschaft zu reagieren: vom Mitläufer bis zum heimlichen Rebellen, wie ihn Onkel Ali verkörpert, der am Ende fliehen muss, ausgerechnet mit Hilfe von Bakir, dem ältesten Sohn der Familie, der sich radikalisiert und den Mudschahedin angeschlossen hat.

In dieser schrecklichen Welt findet Noah Trost und Zuflucht bei seinen Tauben auf dem Dach. Wenn sie fliegen, kann er mit dem Blick nach oben die Zustände und den Staub der Stadt für kurze Zeit vergessen. Besonders beeindruckend ist die Symbolik der Tauben, die das ganze Buch durchzieht. Vieles wird nicht direkt auserzählt, sondern durch die Tauben im übertragenen Sinne verdeutlicht. Im Gegensatz zu den Menschen sind sie frei in ihren Bewegungen, während diese durch Kontrollen und Vorschriften immer mehr eingeengt werden. Sie schwirren durch das ganze Buch und verdeutlichen die gesellschaftlichen und politischen Zustände.

‘Wir müssen aufpassen, dass uns das nicht passiert. Dass wir am Ende noch vergessen, wie man frei ist und fliegt.’ (71)

Doch leider verschlimmert sich die Situation drastisch: Die Taubenzucht auf den Dächern wird verboten. Sie müssen in den Hof und ihnen werden die Flügel gestutzt. Ihr ganzes Leben wird auf Gitter und enge Kästen beschränkt. Die Parallelen zu den Menschen sind unverkennbar.

Onkel Ali muss wegen seiner politischen Aktivitäten gegen die Mudschahedin mit Hilfe von Bakir über die Grenze flüchten. Beim Aufräumen seiner Sachen findet Noah brisante Aufzeichnungen über das Ideal einer Gesellschaft, an Tauben verdeutlicht, religionskritisch und mit Ironie gespickt: ‘Abraham, der Erfinder der Einpersonenregierung’ ;-) - (190-194)

Dann wird auch Noah verhaftet, geschlagen und verhört. Der deutsche Freund seines älteren Bruders Bakir - Ralf/Abu Islam - rettet ihn, aber er muss ein ‘Ferienlager’ über sich ergehen lassen. Wie wir schon vorher erfahren haben, dienen diese zur Umerziehung, zur Indoktrination und zur Ausbildung von Jugendlichen an echten Waffen. - Am Ende blickt Noah über die Dächer und verfolgt den Flug seiner Tauben, trotz der erwähnten Ruinen ein Hoffnungsschimmer.

Auch stilistisch hat mir das Buch sehr gefallen: die kurzen Kapitel tragen vielsagende Überschriften wie z.B. ‘Ein zerbrochener Himmel’ oder ‘Die Hautzensur’. Trotz des einfachen Satzbaus wirkt die Sprache insgesamt poetisch und bildhaft:
‘Die Worte füllen den Raum und sinken auf uns herab’ (19) - Tropfen in der Luft, die wie glitzernde Splitter im Licht tanzen (40) - ‘Die Worte sind wie Steine, die in einen stillen See fallen - ‘Die Angst umhüllt uns wie ein unsichtbarer Schleier.’ (90)
Feine Ironie oder auch Sarkasmus blitzt an vielen Stellen durch, tragikomische Bemerkungen lassen den Leser trotz schockierender Vorkommnisse schmunzeln: ‘die Haut auf Verpackungen zensieren’ (15) - ‘islamische Mathematik und verschleierte Naturkunde’ (22) - ‘die Hinrichtung von Marlboro’ (28) - ‘Dschihad Open Air’ (73).

Fazit
Dieses Buch mit seiner Mischung aus Geschichtlichem, Politischem und persönlichen Schicksalen in einem Staatssystem voller Gewalt hat mir ausnehmend gut gefallen und mir tiefe Einsichten vermittelt und mir noch einmal die Mechanismen totalitärer Machtausübung verdeutlicht. Ich kann es nur uneingeschränkt empfehlen.