Die weißen Tauben sind müde

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ron_robert_rosenberg Avatar

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Die Welt braucht Frieden. Wie eine Schneeflocke die Abwesenheit von Berührung. In Zeiten voller Unruhe erst recht. Da mag es helfen, dieses ureigene Bedürfnis der Menschheit vor der Selbstvergessenheit zu bewahren und sich dieses mit eindringlicher Symbolik zu vergegenwärtigen. Abbas Khiders aufrüttelnder Roman „Der letzte Sommer der Tauben“ trägt eine solche Symbolik in sich.
Bereits Hans Hartz besang 1982 die weißen Tauben, die müde sind. Gemeint ist der archetypische Vogel, der den Frieden verkörpert, der als Zeichen eines neuen Bündnisses mit Gott, einst den Menschen für den Neuanfang einen Olivenzweig überbrachte. Die Friedensbewegung in den Achtzigern prangerte genau diese Abkehr von Friedensbemühungen, hin zu einer sich selbst zerstörenden Welt, an.
Auch Khider ist von dieser Idee und den klugen Tieren gleichermaßen fasziniert und beflügelt. Sein Roman spielt in einem fiktiven, aber nicht unrealistischen Land im Nahen Osten. Es herrscht ein autoritäres Regime, das zunächst als Befreier vom Volk gefeiert wurde, bis es jenes als Geisel für die Errichtung eines Gottesstaates, dem Kalifat, nimmt. Na, klingelt’s? Ja, es kommt einem sehr bekannt vor, ohne es wirklich verorten zu können oder gar zu müssen. Das dachte sich offenbar auch der Autor. Die Botschaft ist die Botschaft. Nicht eine geographische oder historisch verbürgte Genauigkeit. Und darum geht es: Die sogenannten Mudschahedin, deren schwelender Glaubenskonflikt zwischen Sunniten und Schiiten bis zurück zu Mohammed und der Wiege des Islam reicht, stehen hier stellvertretend für Diktaturen, für die eine Religionsauslegung als Pseudobegründung für ihre Machtausübung herhalten muss. Diese Macht äußert sich im Terror und in Einschüchterung, Willkürherrschaft, unverhältnismäßige Bestrafungen von Kritikern, der Unterdrückung von Frauen, Assimilation anderer Religionsgruppen oder – in letzter Konsequenz – in der Vernichtung allem Stigmatisierten. In dieser Welt kämpft der 14jährige Noah mit seiner Familie um das tägliche Überleben. Jede Form der Prosperität wird sanktioniert, so dass sowohl der Vater als auch der gescheite Onkel Ali bald vor dem Existenzaus stehen. Die machtvollen Tentakel des Regimes reichen bis in jeden Winkel. Auch in die einer harmonischen Familie. Noah tröstet sich mit seiner Taubenpopulation, die er sich auf dem Dach hält. Tiere, die in die Lüfte steigen und weitestgehend frei sein können. Diese Unbeschwertheit existiert auf dem Boden der Tatsachen nicht. Hier breitet sich der Unrechtsstaat im üblichen Muster eines Krebsgeschwürs aus. Bespitzelungen, Denunziation, Verleumdungen, Erpressungen, Vorteilsnahmen greifen um sich. Dies führt zu zahlreichen Verhaftungen und Strafen, die abschrecken sollen und es auch tun. Selbst Noahs Freunde, seine Al Pacino-Gang, fällt diesem unaufhörlichen Schrecken zum Opfer. Nach und nach, trotz rebellischer Aufmüpfigkeit und jugendlichem Mut, gelingt es dem System, sie zu radikalisieren. Noah gibt jedoch nicht auf. Er nimmt auch die positiven Schwingungen, insbesondere innerhalb der Familie wahr, denkt an seine Träume und hofft auf eine glückliche Wendung – trotz der Verschärfung der Zustände. Ein Anker ist Onkel Ali, der die Freiheit und die Tauben liebt und der etwas im Schilde führt. Nur was kann ein Einzelner oder eine Gruppe schon ausrichten? Welche Zukunft erwartet einen 14jährigen in einem Kalifat? Was wird mit seinen Liebsten? Mit seinen geliebten Tauben, die urplötzlich mit gestutzten Flügeln ihr Dasein als Hühner verbringen müssen. Um sich diesen und anderen Fragen zu stellen, muss man sich selbst auf die Reise mit Noah begeben und wird am Ende mit einem wunderschönen, tiefsinnigen und bewegenden Leseerlebnis belohnt.
„Der letzte Sommer der Tauben“ von Abbas Khider ist ein ungemein vielschichtiges Buch, gespickt mit Selbstreflexionen des Taubenliebhabers und im Irak aufgewachsenen und dort gefolterten Autors Khider. Ein schmaler Band, der auf 216 Seiten mehr zu erzählen hat, als so mancher dicke Schmöker. Aufgefächert wird die Geschichte in vielen kleinen Episoden, die durch geschickte Auslassungen die eigene Fantasie beflügeln und die so am Ende Lufträume für viele Antworten geben mögen. Ein absolutes Lesehighlight 2026.