„Dieser Sommer hat den Himmel gestohlen.“

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sternchenblau Avatar

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Es könnte ein Sommer sein, in dem Noah seine Jugend genießt, seinen Tauben beim Fliegen zusieht und Zeit mit seinen Freunden und seiner Familie verbringt. Und in den kurzen, poetischen Kapiteln gibt uns Abbas Khider ein Gefühl, wie dieser Sommer sein könnte. Die Kapitel funktionieren wie Kleinode, die ganz konzentriert so viel in sich tragen. Poesie in Prosaform, bei der die Sprache eine ganz eigene Kraft entwickelt. Die Wehmut liegt über allem, denn die Unterdrückung, die sich immer stärker ins Private schleicht, spüren wir immer. Die Traurigkeit ließ mich das Buch immer wieder weglegen und mit den kurzen Kapiteln macht uns Khider es gleichzeitig leicht, wieder hinzugucken. Fast schon märchenhaft zeigt er Noahs Erlebnisse und Gedanken.

„Wir müssen aufpassen, dass uns das nicht passiert. Dass wir am Ende noch vergessen, wie man frei ist und fliegt.“

Den Tauben kann Noah noch zusehen, denn ihnen bleibt mehr Freiheit als den Menschen, nachdem die Mudschahedin die Macht übernommen haben. Der Verbleib des einen Freundes ist unbekannt: Konnte er mit seiner jedsidischen Familie noch fliehen? Die Großeltern leben im ungläubigen Teil, so dass er sie nicht mehr besuchen kann. Die Cousine bekommt Noah er erst wieder zu Gesicht, als sie ihm mitteilen muss, dass sie kurzfristig verheiratet wird. Der Ehemann ist ein Deutscher, der im Kalifat zu einem großen Haus und einer 15-jährigen Ehefrau kommt. Khider macht die Unterdrückung der Frauen sichtbar, doch auch Noah spürt sie, anders, aber genauso deutlich. Vorbild ist sein Onkel Ali, der ihm nicht nur die Liebe zum Taubenzüchten nahebrachte, sondern auch das gefährliche Versteckspiel in einer Diktatur.

Noah ist ein Kind, ein Jugendlicher an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Aber das Regime macht vor ihm nicht Halt und – das legt ja der Titel schon nahe – auch nicht vor seinen Tauben. Und auch nicht vor allen Tauben.

„Dieser Sommer hat den Himmel gestohlen.“

Die große Kunst von Khiders Roman liegt daran, dass die Ereignisse so unausweichlich sind, aber er uns gleichzeitig nicht ganz ohne Hoffnung zurücklässt.

Ein wundervolles Buch, dass mit Poesie und geschicktem Erzählen ganz tief ins Menschsein eintaucht. 5 von 5 Sternen.