Ein Flügelschlag voll Hoffnung

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leylin Avatar

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Abbas Khider erzählt die Geschichte des vierzehnjährigen Noah mit einer Ruhe, die mich beim Lesen immer wieder innehalten ließ, während sich gleichzeitig ein beklemmendes Gefühl aufgebaut hat, das bis zum Ende nicht mehr verschwandt.
Noah ist Taubenzüchter im Irak – und genau diese scheinbar harmlose Leidenschaft wird zum stillen Gegenpol zu einer Welt, die zunehmend aus den Fugen gerät. Gleich zu Beginn liegt eine spürbare Unruhe in der Luft: Seine Tauben geraten in Aufruhr, während über der Stadt die Helikopter des Kalifats kreisen. Dieser Moment setzt den Ton für einen Sommer, der alles verändert.
Besonders eindrücklich fand ich, wie Khider zeigt, wie totalitäre Herrschaft schleichend in den Alltag einsickert. Es sind nicht nur die großen, offensichtlichen Umbrüche, sondern die vielen kleinen Eingriffe: Noah muss seinem Vater dabei helfen, Frauenkörper auf Produktfotos zu schwärzen, der Bruder steigt innerhalb des Systems auf und wird Teil der Machtstruktur, während Mutter und Schwester Suad immer stärker in ihrer Freiheit eingeschränkt werden. Diese Entwicklungen passieren fast beiläufig – und genau das macht sie so erschreckend. Noah findet in Onkel Ali einen Verbündeten der diese Entwicklungen kritisch sieht und sich in seinem Rahmen gegen das System auf lehnt und Noah an die Taubenzucht herangeführt hat.
Als Leser*in versteht man die Tragweite vieler Situationen schneller als er selbst, was eine ganz eigene Spannung erzeugt. Gleichzeitig schwingt in allem eine leise Zartheit mit, die immer wieder durch feinen, fast vorsichtigen Humor aufgebrochen wird.
Die Tauben sind dabei weit mehr als nur ein Hobby: Für mich wurden sie zu einem starken Symbol für Freiheit, Unschuld und letztlich auch für deren Bedrohung. Dass schließlich sogar ihr Leben auf dem Spiel steht, fühlt sich wie der endgültige Verlust von Sicherheit und Kindheit an.
Was mir besonders im Kopf geblieben ist, ist diese klare, fast distanzierte Sprache. Es wird nichts ausgeschmückt, nichts dramatisiert – und genau dadurch entfaltet der Roman seine volle Wirkung.
Es ist ein stilles Buch, das noch im Kopf bleibt. Keine leichte Kost – und vielleicht gerade deswegen so eindrücklich.