Ein Sommer, der den Himmel verändert

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„Dieser Sommer hat den Himmel gestohlen.” (Seite 211, E-Book)

„Der letzte Sommer der Tauben“ von Abbas Khider ist am 27.01.2026 bei Hanser Verlag erschienen und umfasst 216 Seiten. Der Roman erzählt von Noah, einem vierzehnjährigen Jungen und leidenschaftlichen Taubenzüchter, dessen Alltag sich radikal verändert, als ein islamistisches Kalifat die Kontrolle über seine Heimat übernimmt. Während über der Stadt Hubschrauber kreisen und neue Regeln das Leben bestimmen, versucht Noah, an den kleinen Freiheiten seiner Kindheit festzuhalten – allen voran an seinen Tauben.

Meine Meinung

Wow. Dieses Buch hat mich wirklich kalt erwischt. Abbas Khider schafft es, eine Geschichte zu erzählen, die gleichzeitig leise und brutal ist. Der Schauplatz bleibt unbenannt, wirkt aber wie ein Spiegel vieler autoritärer Systeme und genau das macht den Roman so universell und erschreckend aktuell. Die Mischung aus poetischer Sprache, feinem Humor und einer allgegenwärtigen Bedrohung, die sich langsam in jede Alltagsszene einschleicht fand ich wirklich gelungen.

Die Tauben sind dabei weit mehr als nur ein Hobby des Protagonisten. Sie werden zum Symbol für Freiheit, Gemeinschaft und Hoffnung. Einer meiner liebsten Sätze war deshalb: „Was vergangen ist, lässt sich nicht zurückholen. Nur die Tauben finden immer wieder heim. Sie sind mein Erbe“ (S. 37)

Khider beschreibt erschütternde Entwicklungen mit einer beinahe nüchternen Klarheit, die umso mehr unter die Haut geht. Besonders die Szenen rund um die zunehmende Radikalisierung junger Menschen fand ich schwer erträglich: „Die Mudschahedin verstehen es, junge Menschen für sich einzunehmen. Sie bieten Gemeinschaft, klare Rollen, viele können dem nicht widerstehen.“ (S. 159)

Bei all dem Grauen verliert das Buch nie seine Menschlichkeit. Zwischen all der Gewalt gibt es immer wieder Momente voller Wärme, Freundschaft und Sehnsucht nach Freiheit. Und auch die Figuren sind sehr warmherzig gezeichnet, sodass man voll in die Geschichte eintauchen und mitfühlen kann.

Was mich besonders begeistert hat, ist Khiders Fähigkeit, politische Gewalt nicht als etwas Abstraktes, sondern über persönliche Verluste spürbar zu machen. Der Roman zeigt, wie ein totalitäres System langsam Familien, Freundschaften und Träume verändert. Gleichzeitig bleibt Noahs Perspektive erstaunlich sensibel und beobachtend.

Fazit
„Der letzte Sommer der Tauben“ ist ein intensiver, kluger und sprachlich wunderschöner Roman über Freiheit, Macht und Menschlichkeit. Für alle, die literarische Gegenwartsliteratur mit politischer Tiefe mögen, starke Bilder lieben und Geschichten schätzen, die weh tun, ohne hoffnungslos zu werden. Nichts für Leser:innen, die eine schnelle oder leichte Handlung erwarten. Vielen Dank an den Hanser Verlag & netgalley.de für das digitale Rezensionsexemplar! TW: Das Buch enthält Darstellungen von Gewaltszenen.