Himmel ohne Flügel

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signalhill Avatar

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Abbas Khider hat viel erlebt, und er weiß davon zu erzählen. Ich habe seine eigene Lebensgeschichte bereits in "Palast der Miserablen" als Hörbuch gehört, mit dem sehr poetischen Titel "Der letzte Sommer der Tauben" ist nun ein Roman erschienen, der zwar fiktiv zu sein scheint, doch auch sehr persönlich, sehr biographisch klingt. Dabei beschreibt der Autor in kurzen Kapiteln, mit dichten und sehr eindrücklichen Worten, wie das Kalifat nach und nach alle Lebensbereiche der Bewohner über- und ihnen damit die Luft zum Atmen nimmt.

Protagonist ist der Teenager Noah, sicher ein Abbild von Khider selbst, der vor allem Freude an seiner Taubenzucht findet, wie so viele andere im Viertel. Während die Freiheit der Bewohner immer mehr eingeschränkt wird - erst wird nur nackte Haut auf den Bildern geschwärzt, später alle weltlichen Dinge abgegeben - sind die Tauben noch frei, sie können ihre Runden am Himmel ziehen und auch zu manch einer Botensendung herangezogen werden.

Während die Tauben noch frei sind, verschwinden Menschen, werden Jugendliche in "Freizeitlagern" umerzogen, und die Menschen versuchen sich kleine Freuden heimlich zu bewahren, während sie die offensichtlichen (z.B. Fernseher, Handy) abgeben müssen. Und auch die Tauben werden nicht mehr lange fliegen...

Bisher ist "Der letzte Sommer der Tauben" mein Lesehighlight des Jahres, ein Meisterwerk, das von der dichten Sprache und den kurzen Kapiteln mit vielen schockierenden Wendungen lebt. Das, was man sonst in den Berichten und Nachrichten hört, bekommt durch den Jungen Noah ein Gesicht.

Ich habe während des gesamten Buches ein bedrückendes Gefühl nicht ablegen können. Ich finde den Gegensatz der freien Tauben und unfreien Menschen sowie die Entwicklung in diesem Roman sehr gut gelungen und sehr intensiv. Doch auch die Tauben verlieren am Ende, nur eine Flucht kann noch der Ausweg sein, denn Abbas Khider nehmen konnte, so viele andere aber nicht.

Da der Autor erst 19 Jahre in Bagdad gelebt und dann erst (wohl mit 27) die deutsche Sprache gelernt hat, finde ich seinen Schreibstil bewundernswert und habe dies auch beim Lesen im Hinterkopf. "Der letzte Sommer der Tauben" ist für mich natürlich ein 5-Sterne-Buch!