Hochaktuell!!!

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Leerer Stern
webster Avatar

Von

Obwohl es traurig ist, das zu schreiben, ist dieses Buch hochaktuell. Der Autor hat den größten Teil seines Lebens im Irak verbracht. Es ist daher davon auszugehen, dass die Geschichte – selbst, wenn sie fiktional ist – einen authentischen Kern besitzt.
Die Amerikaner haben im Land einen Regimesturz herbeigeführt. Es gab einen Diktator. Nach dem Abzug der USA kontrollieren Mudschahedin die Region und errichten ein strenges, radikal muslimisch geprägtes Regime.
Ich war nach wenigen Seiten direkt in der Geschichte. Das Buch besteht aus einer Vielzahl von Eindrücken und Situationen, die in sehr kurzen Kapiteln geschildert werden. Diese bauen inhaltlich aufeinander auf und sind chronologisch geordnet, sind jedoch nicht mit einem klassischen Roman zu vergleichen. Der Leser darf immer wieder Teil bestimmter Situationen, Gespräche und Lebensmomente werden und taucht so in den Alltag und die Gefühlswelt von Noah und seiner Familie ein.
Der 14-jährige Noah ist der zentrale Charakter der Geschichte. Er war mir sofort sympathisch. Er hält Tauben – ein Hobby, zu dem ihn sein Onkel Ali ermutigt und angeleitet hat. Onkel Ali spielt ebenfalls eine zentrale Rolle. Im Verlauf der Handlung zeigt sich, dass er offenbar im Widerstand ist und gegen die Machthaber arbeitet.
Menschen verschwinden spurlos, Freiheit wird unterdrückt. Es gibt Strafen und Verbote: keine westliche Musik in Cafés, keine Darstellung weiblicher Haut, keine Cola, keine Mobiltelefone. Eine Ordnungspolizei überwacht diese Verbote streng.
Als Leser hatte ich beklemmende Gefühle bei der Schilderung der Einschränkungen und vor allem der Gewalt, die von den Machthabern ausgeht. Gleichzeitig ist der Text sehr warmherzig geschrieben. Gewalt und Unterdrückung werden immer wieder durch den familiären Zusammenhalt abgefedert. Noah findet Trost bei seinen Tauben. Wie für ihn sind sie auch für den Leser eine Zuflucht – eine kurze Flucht vor der Realität.
Zum Ende des Buches spitzt sich die Handlung zu. Die Taubenhaltung auf den Dächern wird verboten, um Spionage zu verhindern. Onkel Ali muss fliehen. Auch Noah wird festgenommen. Nur durch die Fürsprache seines älteren Bruders, der der Familie den Rücken gekehrt hat und Teil des Unterdrückungssystems geworden ist, kommt er frei. Auch der deutsche Mann seiner Cousine bürgt für ihn. Damit zeigt sich, dass ausgerechnet jene Familienmitglieder, die sich mit den Machthabern arrangiert haben, Noah retten.
Das Buch nimmt uns mit in die Realität anderer Länder und Gesellschaften. Es veranschaulicht den Wert von Freiheit – und lässt hoffentlich viele Leser milder urteilen über politische Flüchtlinge.