Mein Schwarm kehrt zurück, irgendwann

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Der letzte Sommer der Tauben

Freiheit liegt – ebenso wie Glück – in den kleinen Dingen des Alltags. Oft wird einem das jedoch erst bewusst, wenn diese nach und nach verschwinden oder verboten werden. Diese schmerzhafte Erfahrung macht der vierzehnjährige Protagonist in Der letzte Sommer der Tauben von Abbas Khider (erschienen am 27. Januar 2026 im Carl Hanser Verlag), als ein neues Regime beginnt, das Leben im Land radikal zu verändern. Abbas Khider, der 1973 in Bagdad geboren wurde und seit 2000 in Deutschland lebt, beschäftigt sich intensiv mit Themen wie politischer Unterdrückung, Exil, Flucht und Identitätssuche. Das neueste Werk fügt sich nahtlos in sein bisheriges literarisches Schaffen ein, denn der Autor verbindet hier individuelle Schicksale mit einer übergeordneten politischen Dimension – und schafft einen Roman von beklemmender Aktualität.
Die Handlung entfaltet sich in einer namenlosen Stadt, deren sommerliche Leichtigkeit von einem Hubschrauber des Kalifats überschattet wird: Cafés, Gespräche auf öffentlichen Plätzen, weltliche Musik, bunte Kleidung der Frauen und Flattern der Tauben – all das, was früher zum Alltag gehörte, wird plötzlich zum „Verbotenen”. Eine vertraute, scheinbar stabile Welt wird Schritt für Schritt ausgehöhlt. Verbote greifen drastisch ein – zunächst in das öffentliche Leben, dann aber auch in das Private. Die vom Regime angeordnete Gewalt wird zur Realität.
Gerade diese allmähliche Verschiebung ist erzählerisch eindrucksvoll gestaltet. Der Autor verzichtet auf dramatische Umstürze; stattdessen inszeniert er das Verschwinden als schleichenden Prozess. Die Szenen des letzten Sommers werden in teils kurzen, teils längeren Kapiteln festgehalten, wie in Bleistiftskizzen. Diese Struktur verleiht dem Roman seine eigentliche Kraft: Die Bedrohung ist nicht spektakulär, sondern systematisch.
Stilistisch überrascht der Roman durch eine klare und unprätentiöse Sprache, die bisweilen fast schlicht erscheint. Doch gerade diese Zurückhaltung erzeugt eine starke Wirkung. Die nüchterne Darstellung kontrastiert mit der Brutalität der Ereignisse: Das Grauen spricht aus der Sachlichkeit.
Der letzte Sommer der Tauben ist ein Roman von leiser Wucht. Er zeigt, wie zerbrechlich die gewohnte Realität ist und wie schnell sich eine offene Gesellschaft in ein System der Verbote und der Angst verwandelt. Ohne moralischen Zeigefinger, ohne plakative Dramatisierung entfaltet das Werk eine nachhaltige Wirkung.