Nicht nur die Tauben verschwinden

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Aus der Perspektive kindlicher Wahrnehmung beschreibt Abbas Khider in seinem neuen Roman »Der letzte Sommer der Tauben« das allmähliche Eindringen des Kalifats in den Alltag des Jungen Noah und seiner Familie, der miterleben muss, wie sich innerhalb nur eines Sommers das gesamte bisher vertraute Leben grundlegend verändert und jede Normalität Schritt für Schritt verloren geht. So wird bereits am Beispiel des Vaters, der früher als Kleiderverkäufer arbeitete und nun gezwungen ist, seine Produktfotos zu verändern, weil darauf Frauen abgebildet sind, deutlich, wie selbst scheinbar nebensächliche Details des Alltags von neuen Regeln bestimmt werden, wobei diese ersten Einschränkungen nur den Anfang einer Kette immer gravierenderer Maßnahmen darstellen, die die Freiheit zunehmend beschneiden, bis schließlich öffentliche Steinigungen und Folterungen auf den Straßen keine Ausnahme mehr sind, sondern zur grausamen Normalität gehören. Doch Khiders Roman erschöpft sich nicht allein in der Darstellung dieser Veränderungen, sondern zeigt zugleich, wie seine Protagonisten nach und nach selbst Teil eines gefährlichen Widerstands werden, über dem fortan ständig die Bedrohung durch Verhaftung und Tod schwebt, sodass das anfänglich harmlose Aufkleben feindlicher Plakate bald zu weit riskanteren Handlungen führt.
Von Abbas Khider ist man bereits mehrere überraschend starke Romane gewohnt, wobei insbesondere »Der Palast der Miserablen« als eine kleine Perle seines literarischen Schaffens gelten kann, und auch sein neuer Roman hat seine Qualitäten. Obwohl er leicht, kurz und unaufgeregt erzählt ist, gelingt es ihm mit wenigen, präzisen Mitteln eindringlich zu vermitteln, was es bedeutet, unter der Herrschaft des Kalifats zu leben. Die Darstellung wirkt dabei zugleich authentisch und erschütternd, ohne jedoch in übermäßiges Pathos zu verfallen, da die kindliche Erzählperspektive dem Geschehen eine gewisse Distanz und Unmittelbarkeit verleiht, wodurch der Text nicht dauerhaft dramatisch wirkt, sondern vielmehr von einem naiven und entwaffnenden Ton getragen wird, der die Schwere und Tragik der Ereignisse nicht aufhebt, sondern auf besondere Weise sichtbar macht. Gerade durch diese Erzählweise findet Khider einen poetischen Zugang zum Grauen, sodass selbst im Schrecken noch Momente von Schönheit aufscheinen können und der Roman literarisch eine Ebene erreicht, auf der er auch unabhängig von seiner politischen Thematik Bestand hätte.
Die Geschichte wird in zahlreichen kurzen Kapiteln erzählt, was stellenweise etwas fragmentarisch oder abgehackt wirken mag, letztlich jedoch eine eigene, dichte Atmosphäre erzeugt, da »Der letzte Sommer der Tauben« episodenhaft aufgebaut ist und mitunter wie ein Mosaik einzelner Szenen erscheint, das gerade durch diese Struktur eine fast lyrische Wirkung entfaltet.
Als kurzes, bodenständiges und zugleich aufrüttelndes Buch über den Verlust der Freiheit unter dem Kalifat und über den Mut einfacher Menschen im Kampf um ihre Rechte überzeugt Abbas Khiders Roman daher sowohl inhaltlich als auch literarisch.