Schlicht und ergreifend

Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern Voller Stern
angie99 Avatar

Von

Es gibt schon viele Romane, welche die Unterdrückung durch ein islamistisches Regime thematisieren und die meistens von Menschen geschrieben sind, die genau deswegen in westliche Länder geflüchtet sind. „Der letzte Sommer der Tauben“ reiht sich von daher in eine ganze Liste solcher Bücher ein. Was es von den anderen unterscheidet, ist erstens: die beschriebene Zeitspanne, zweitens: die Perspektive und drittens: die Tauben.
Zeitlich dreht sich Abbas Khiders neuestes Werk spannenderweise um den Übergang zu einem Gottesstaat; das bedeutet, es geht um einen eher graustufigen Zwischenbereich, in dem eine Ära zu Ende geht und eine neue beginnt, es geht um die Veränderung an sich. Hier bekommen die Details Wichtigkeit: Frauenkleidung, die nicht mehr verkauft werden darf, Ausgangssperren, verschollene Freunde, versteckte Zigaretten, Handys und Spielkarten, Schließung von Versammlungsräumen, neue – oft nicht nachvollziehbare – Regeln. Zwar gibt es im weiteren Verlauf des Buches auch zunehmend solche Schreckenskapitel, die man als erfahrener Lesender bei diesem Thema erwartet, doch gerade das Anfangsstadium der Veränderungen ist sehr gut eingefangen mit seiner ganzen Unsicherheit, wie mit der neuen Situation umzugehen ist, mit dem Zusammenhalt untereinander, der mehr und mehr zusammenbricht.
Perspektivisch steht der vierzehnjährige Noah im Mittelpunkt, und das ist sehr klug gemacht. Sein Alter und sein Geschlecht erlauben ihm mehr Freiheit als allen anderen: als Junge darf er sich frei bewegen, darf auf die Straße, darf auf den Markt, darf in die Moschee, während er zuhause – wo er noch als Kind gilt – sowohl bei den Frauen als auch bei den Gesprächen der Männer mithören darf. Und obwohl er manches mit dieser kindlichen Naivität kommentiert, ist er mit seinen 14 Jahren wiederum genug erfahren und gewitzt, um selbständig zu denken und zu handeln. Noah hat mich sowohl als neugierige, liebenswerte Person als auch in seiner Rolle als „Alleswisser“ überzeugt.
Als weiteres Alleinstellungsmerkmal nehmen - wie der Titel bereits erwähnt – auch Tauben eine wichtige Rolle in diesem Roman ein, denn das Kalifat greift nicht nur in das Leben der Menschen, sondern eben auch das von Tieren massiv ein. Die Tauben tragen eine ganz profane Symbolik in sich, nämlich die des „Flügelbeschneidens“, der verlorenen Freiheit. Doch darüber hinaus geben Noahs zärtliche Beobachtungen seiner Tauben dem Roman eine gewisse Leichtigkeit und erlauben Onkel Ali tiefgründige Reflexionen über Religion, insbesondere des Islam. Gerade diese Textstellen sind lehrreich und regen zum eigenen Nachdenken an, wo dieses Buch inhaltlich und sprachlich ansonsten eher einfach gehalten ist.
Mich hat dieser Roman jedenfalls berührt, vielleicht gerade auch aufgrund seiner unaffektierten Nüchternheit. Er lässt sich besonders in der ersten Hälfte viel Zeit, wird dann immer dramatischer und endet abrupt – aber mit einer sehr klaren Botschaft.
Ebenso klar mein Fazit: ausdrückliche Lese-/ Hörempfehlung!