Sehr eindrucksvoll

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taina Avatar

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Noah, der 14-jährige Ich-Erzähler, angesiedelt in einem islamischen Staat, liebt seine Tauben, die er auf dem Dachboden hält. Alle haben Namen, er sieht sie in ihrer Individualität und Schönheit. Die Tauben sind im Roman ein wiederkehrendes Motiv, sie sind treu, einander verbunden, frei und kommen doch zu ihrem Zuhause zurück.
Präzise beobachtet Noah die Veränderungen um sich herum, die das Kalifat ihnen gebracht hat. Die Mudschahedin kontrollieren das Leben der Menschen. Vieles von dem, was Noahs Jugend ausmachte, ist jetzt verboten: unbeschwertes Spielen, Mobiltelefone, Zigaretten, Musik. An seiner Schule gehörte er mit Mohamed und Shirzad zur Al-Pacino-Bande, die jungenhaften Unsinn anstellte, auch das ist vorbei. Seine Freunde erliegen bald den Verlockungen, sich bedeutsam zu fühlen, und schließen sich der Jugendorganisation der Mudschahedin an. Aus jugendlichem Übermut wird bitterer Ernst.
Zunächst muss Noah im Geschäft des Vaters alle Kleidung verbannen, die als unislamisch gilt, Frauen tragen außerhalb des Hauses den Niqab. Ihre Rechte sind stark eingeschränkt: Sie dürfen ohne männliche Begleitung nicht auf die Straße, in den meisten Berufen nicht mehr arbeiten. Das betrifft auch Noahs schwangere Schwester Suad, die studiert hatte, sowie seine Mutter. Suads Mann wurde verhaftet und befindet sich in einem Umerziehungslager, sein Schicksal ist ungewiss. Der große Bruder ist Leiter der Sicherheitsbehörde geworden, die Cousine wird 15-jährig verheiratet.
Noahs Onkel Ali, ebenfalls Taubenzüchter, ist sein Vertrauter. Ali plant Widerstand und flieht vor den Verfolgern. Nichts ist mehr normal – das Manuskript, das Ali zurücklässt, zeugt von seinen Gedanken über die Religionen und das Zusammenleben der Menschen, der Taubenschlag wird für Ali zum Vorbild. Hier gleitet der Roman bedauerlicherweise ins Traktathafte ab, so als traue der Autor seiner Kunst nicht, die doch selbst tragfähig genug ist. Auch die Taubenzucht wird verboten, das freie Fliegen ist eine Gefahr. Tauben können Informationen verbreiten.
Noah hat gelernt, Dinge für sich zu behalten, die er über Ali weiß. Dennoch wird er als Mitwisser verhaftet, hat jedoch Helfer, die ihm zur Seite stehen, genauso heimlich und subversiv wie sie auch sonst agieren.
‚Die Puzzleteile der Wahrheit‘, die Überschrift eines Kapitels, veranschaulichen Abbas Khiders Schreibweise: Alle Beobachtungen ergeben zusammengenommen das Bild des totalitären autokratischen Staates, der die Freiheiten des Handelns und Denkens bis in den privatesten Winkel beschneidet. Wie pointillistisch hingetupft zeichnen Noahs Eindrücke dieses Bild, dessen erdrückende Wahrheit sich hier vor den Lesern in unzähligen Facetten ausbreitet.
Ein sehr lesenswerter, eindringlicher Roman, der aus der Perspektive eines heranwachsenden Beobachters erzählt wird. Dessen unverstellte Sicht auf die Geschehnisse nehmen die Leser/innen mit in eine Welt, die uns sonst oft fremd bleibt. Noah lebt mit der Hoffnung, dass es irgendwann einmal anders wird, dass alle Tauben wieder fliegen dürfen wie die Träume und Wünsche der Menschen. Das Schicksal der Wandertaube möge ihnen erspart bleiben.