Tauben flüstern mit ihren Flügeln

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owenmeany Avatar

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Ein Taubenschwarm kreist über der Qualmwolke einer Verbrennung, so fängt das Buch an. Ein Regime von Mudschaheddin hat die Macht ergriffen in der Heimatstadt des jungen Noah und seiner Familie, die nun die Maßnahmen umsetzen muss, indem sie "unreine" Waren aus dem Ladengeschäft den Flammen anheimgibt und auf Etiketten und Werbezetteln Frauengesichter schwärzt. Noah hilft tatkräftig dabei, einen Ausgleich dafür erfährt er bei seiner Taubenzucht, die er nach dem Vorbild seines geliebten, libertären Onkels Ali betreibt. Dieses Handlungssegment bildet von Anfang an einen Kontrast zu den sich dauernd steigernden Einschränkungen und gleichzeitig eine poetische Überhöhung freiheitlicher Gedanken, die selbst die Tyrannei nicht zu unterdrücken vermag.

Der leicht zu konsumierende Text mit kurzen Sätzen, die sich manchmal wie Statements anhören, und überschaubaren Kapiteln lebt, wenn man es mit einem Musikstück vergleicht, von einem konsequenten Crescendo und Accelerando, indem er nach und nach immer mehr und immer grausamere Absurditäten aufblättert, aber jederzeit aus der Sicht eines etwa Fünfzehnjährigen. Seine Verwandten und Freunde haben ganz unterschiedliche Schlüsse gezogen aus der Situation: teilweise heimlich im Widerstand, teilweise als Kollaborateure. Dabei gibt es kein reines Schwarzweiß, sondern durchaus Nischen in der Grauzone, aber entziehen kann sich niemand.

Konnte man den Anfang noch mit einer Portion Humor hinnehmen, häufen sich die schockierenden Vorfälle zusehends, wie zum Beispiel mit der Steinigung einer Frau, deren Verbrechen in unangemessener Kleidung bestand. Die Gesinnungspolizei patrouilliert allenthalben und inhaftiert völlig willkürlich ohne Angabe von Gründen. Und so zieht sich die Schlinge fester und fester zu. Besonders eindruckvoll wirkt auf mich Alis religionsphilosophisches Pamphlet, das in den Augen der neuen Machthaber als reine Blasphemie erscheinen muss.

Die Tauben dienen als reales Handlungselement in ihrer Eigenschaft als Botentiere, aber auch als dichterisches Symbol für den nicht zu unterdrückenden Freiheitswillen. Und als man meint, unser Protagonist sei unentrinnbar am Ende der Sackgasse angekommen, bleibt ihm immer noch der Traum vom Flug der Tauben.