Verstörender Inhalt, leicht erzählt

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violettera Avatar

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Der poetische, leicht melancholische Titel, das wunderschön gestaltete Cover mit den fliegenden Tauben vor der riesigen Sonnenscheibe, all das täuscht. Schon das erste Kapitel heißt vielsagend EIN ZERBROCHENER HIMMEL, denn die Tauben, seit jeher Symbole des Friedens, die der 14jährige Erzähler Noah liebevoll züchtet, geraten in Panik und stieben jäh auseinander vor dem Dröhnen dreier Hubschrauber. Schwarzer Rauch steigt auf, wo Männer mit Gewehren über der Schulter und der strengen Aura absoluter Macht Alltagsdinge wie Kleidungsstücke, Poster und Zigarettenstangen verbrennen, die angeblich die Reinheit des islamischen Glaubens gefährden. Ein Kalifat wurde ausgerufen, die Mudschahedin nutzen ihre Macht, um den Alltag der Menschen zu kontrollieren und alles zu verbieten, was ihnen bisher Freude gemacht hatte: Musik, bunte Kleider, Zigaretten, Alkohol, freie Meinungsäußerung, Scherze, bis schließlich auch die Tauben nicht mehr fliegen dürfen. Die Frauen dürfen nicht mehr arbeiten, das Haus nur in Begleitung und stets so gekleidet verlassen, dass nur die Augen zu sehen sind. Der Laden des Vaters steht vor dem Ruin, denn er hatte Kleider verkauft, aus traditionellen bunten Stoffen. Noahs Schwester ist schwanger, aber ihr Mann im Gefängnis, wo Folter und Todesstrafen an der Tagesordnung sind. Diese und noch viele andere Zeichen einer muslimischen Gewaltherrschaft in jenem fernen Kalifat, in dem der Junge aufwächst, erschüttern das Leben seiner Familie und die Leser, denn die Geschichte geht unter die Haut. In kurzen Kapiteln und einer ruhigen, anschaulichen Sprache lässt der Autor den Jungen im Präsens erzählen, so dass man die einprägsamen Bilder nicht mehr vergisst, die Düfte, Geräusche, Formen und Farben wahrzunehmen und auch die Stimmungen und Ängste zu spüren meint. Dieses Buch ist nicht nur sehr lesenswert, es ist leider auch hochaktuell.