Von Tauben und der verlorenen Freiheit
Noah ist 14 Jahre alt, an der Schwelle vom Kind zum Jugendlichen. Er lebt mit seiner Familie in einem nicht näher benannten Land, das unschwer als der Irak zu identifizieren ist. Noah liebt es, gemeinsam mit Onkel Ali, der in der zweiten Hälfte des geerbten und in der Mitte geteilten Großelternhauses lebt, auf dem Dach des Hauses Tauben zu züchten, ihren Flug zu beobachten, einen Lockvogel zu bestimmen oder Vogelpärchen für eine lebenslange, treue Beziehung zusammenzuführen. Kindlich-naiv bildet er gemeinsam mit zwei Freunden eine Bande, die Streiche aushecken möchte.
Doch nun bricht Schritt für Schritt, jeden Tag ein bisschen mehr, ein totalitäres islamistisches Regime in Noahs jugendliche Welt ein. In beklemmender Weise wird das Leben der Menschen - ganz besonders der Frauen, die nur mehr in Begleitung das Haus verlassen dürfen, die meisten Berufe nicht mehr ausüben dürfen und sich verhüllen müssen - aber auch der Männer immer mehr eingeschränkt. Die neuen Tugendwächter verbieten alles, was als sündig angesehen wird: Zigaretten, Handys, sogar Musik. Verbotene Gegenstände werden demonstrativ einkassiert und auf den Straßen kommt es zu den ersten drakonischen Bestrafungen nach der Scharia: öffentliche Auspeitschungen und Steinigungen.
Das alles beobachtet der junge Noah. Besonders sympathisch ist, dass diese Perspektive eines männlichen Jugendlichen auch die Frauen und ihr Schicksal mitfühlend im Blick hat, wie sich zum Beispiel an dieser Stelle zeigt, als es um die erwachsene Schwester Suad geht, die schwanger ist, um ihren inhaftierten Mann bangt und wieder bei den Eltern einziehen musste: "Doch Suad hat jede Leichtigkeit längst verloren. Hinter ihrem Niqab verbirgt sich derzeit ein blasses Gesicht mit Augenringen. Damals war sie wie eine Taube - frei und unbeschwert und mit sicherem Rückweg nach Hause. In ihren farbenfrohen Kleidern bewegte sie sich voller Anmut, und ihre langen schwarzen Haare tanzten dabei im Wind." (S. 43)
Auch die Faszination, die die neuen islamistischen Herrscher speziell auf so manche orientierungslose männliche Jugendliche und junge Erwachsene haben, ist Thema dieses Buches. Davon bleibt auch Noahs Familie nicht verschont, es gibt noch den älteren Sohn Bakir, ursprünglich ein sehr begabter Junge, mit dem große Zukunftshoffnungen verbunden waren, der sich nach einem Schicksalsschlag von der Familie entfremdet und den Islamisten zugewandt hat: "Im Gegensatz zu meinen Tauben, die immer über mir schweben, ist Bakir ein Flüchtender, verloren zwischen den Himmelsrichtungen. Wird er jemals zu uns zurückfinden?" (S. 55)
Thematisiert wird auch das Phänomen westlicher islamistischer Kämpfer, auch dies basiert auf Tatsachen. Hier ist es Ralf Becker aus Mülheim an der Ruhr, der unter seinem neuen Namen "Abu Islam", Vater des Islam, eine bedeutende Rolle bei den islamistischen Kämpfern eingenommen hat, demnächst Noahs 15-jährige Cousine heiraten wird und mit dem abtrünnigen Bakir befreundet ist: "Die ganze Heimfahrt über denke ich an Ralf Abu Islam. Wie kann jemand gleichzeitig ein freundlicher Taubenliebhaber und ein Gotteskrieger sein? Kurz bevor wir ankommen, beugt sich Suad zu mir. Wir flüstern. "Und? Wie ist er?", "Nett und bewaffnet." (S. 137)
Auch hier zeigt sich wieder die besondere Qualität dieses Buches: trotz all des Schreckens sind die Charaktere realistisch und mit Graubereichen gezeichnet, eben nicht schwarz-weiß, sodass sogar die Anziehungskraft, die das islamistische Regime auf manche speziell junge Menschen ausübt, zwar nicht legitimiert, aber erklärt wird. Das macht es zu einem sehr weisen Werk über die Tiefen menschlicher Psyche in den beklemmenden Zeiten totalitärer Machtergreifung.
Bei all dem Schrecken immer präsent sind die Tauben: als Aufheiterung genauso wie als Metapher. Sie zeigen sich in Kapitelüberschriften wie z.B. "Das Fliegen nicht verlernen" (S. 70), "Flügel der Einsamkeit" (S. 97), "Ein Ort voller Flügel" (S. 110) und auch in religiösen Bezügen vermischt mit tatsächlichem naturwissenschaftlichem Wissen über Tauben: "Tauben kehren immer zu ihrem Partner zurück. Es liegt in ihrer Natur. Nach all der Zeit auf der Arche war die Taube dort längst zu Hause. Es kann nicht sein, dass sie nicht zurückkam. Nur der Tod oder eine Naturkatastrophe können eine Taube davon abhalten, zu ihrem Partner zurückzukehren." (S. 155)
Es ist eine große Kunst, auf nur etwa 200 Seiten, eingeteilt in kurze Kapitel, und aus einer kindlichen Perspektive, noch dazu nicht in der eigenen Muttersprache, so treffsicher, poetisch und anschaulich anhand vieler kleiner Alltagserlebnisse der Menschen spürbar zu machen, was es bedeutet, wenn totalitäre Herrschaft immer mehr in den Alltag der Menschen eindringt, und diese aber dennoch an der Hoffnung auf Freiheit und an ihrem Humor festhalten.
Hier handelt es sich um ein ganz besonderes Buch, das schnell gelesen ist - auch wenn es sich oft lohnt, innerhalb der kurzen Kapitel kurz innezuhalten und die Worte wirken zu lassen - und lange nachhallt, weil es gerade dadurch, dass es kein überschüssiges Wort enthält, treffsicher die Beklemmung autoritärer Herrschaft im Leben der Menschen spürbar macht. Es wird mir sicher noch lange speziell emotional nicht nur im Kopf, sondern vor allem im Herzen bleiben, und aus diesem spreche ich eine Leseempfehlung für alle mitfühlenden und an den Geschehnissen in der Welt interessierten Menschen aus.
Doch nun bricht Schritt für Schritt, jeden Tag ein bisschen mehr, ein totalitäres islamistisches Regime in Noahs jugendliche Welt ein. In beklemmender Weise wird das Leben der Menschen - ganz besonders der Frauen, die nur mehr in Begleitung das Haus verlassen dürfen, die meisten Berufe nicht mehr ausüben dürfen und sich verhüllen müssen - aber auch der Männer immer mehr eingeschränkt. Die neuen Tugendwächter verbieten alles, was als sündig angesehen wird: Zigaretten, Handys, sogar Musik. Verbotene Gegenstände werden demonstrativ einkassiert und auf den Straßen kommt es zu den ersten drakonischen Bestrafungen nach der Scharia: öffentliche Auspeitschungen und Steinigungen.
Das alles beobachtet der junge Noah. Besonders sympathisch ist, dass diese Perspektive eines männlichen Jugendlichen auch die Frauen und ihr Schicksal mitfühlend im Blick hat, wie sich zum Beispiel an dieser Stelle zeigt, als es um die erwachsene Schwester Suad geht, die schwanger ist, um ihren inhaftierten Mann bangt und wieder bei den Eltern einziehen musste: "Doch Suad hat jede Leichtigkeit längst verloren. Hinter ihrem Niqab verbirgt sich derzeit ein blasses Gesicht mit Augenringen. Damals war sie wie eine Taube - frei und unbeschwert und mit sicherem Rückweg nach Hause. In ihren farbenfrohen Kleidern bewegte sie sich voller Anmut, und ihre langen schwarzen Haare tanzten dabei im Wind." (S. 43)
Auch die Faszination, die die neuen islamistischen Herrscher speziell auf so manche orientierungslose männliche Jugendliche und junge Erwachsene haben, ist Thema dieses Buches. Davon bleibt auch Noahs Familie nicht verschont, es gibt noch den älteren Sohn Bakir, ursprünglich ein sehr begabter Junge, mit dem große Zukunftshoffnungen verbunden waren, der sich nach einem Schicksalsschlag von der Familie entfremdet und den Islamisten zugewandt hat: "Im Gegensatz zu meinen Tauben, die immer über mir schweben, ist Bakir ein Flüchtender, verloren zwischen den Himmelsrichtungen. Wird er jemals zu uns zurückfinden?" (S. 55)
Thematisiert wird auch das Phänomen westlicher islamistischer Kämpfer, auch dies basiert auf Tatsachen. Hier ist es Ralf Becker aus Mülheim an der Ruhr, der unter seinem neuen Namen "Abu Islam", Vater des Islam, eine bedeutende Rolle bei den islamistischen Kämpfern eingenommen hat, demnächst Noahs 15-jährige Cousine heiraten wird und mit dem abtrünnigen Bakir befreundet ist: "Die ganze Heimfahrt über denke ich an Ralf Abu Islam. Wie kann jemand gleichzeitig ein freundlicher Taubenliebhaber und ein Gotteskrieger sein? Kurz bevor wir ankommen, beugt sich Suad zu mir. Wir flüstern. "Und? Wie ist er?", "Nett und bewaffnet." (S. 137)
Auch hier zeigt sich wieder die besondere Qualität dieses Buches: trotz all des Schreckens sind die Charaktere realistisch und mit Graubereichen gezeichnet, eben nicht schwarz-weiß, sodass sogar die Anziehungskraft, die das islamistische Regime auf manche speziell junge Menschen ausübt, zwar nicht legitimiert, aber erklärt wird. Das macht es zu einem sehr weisen Werk über die Tiefen menschlicher Psyche in den beklemmenden Zeiten totalitärer Machtergreifung.
Bei all dem Schrecken immer präsent sind die Tauben: als Aufheiterung genauso wie als Metapher. Sie zeigen sich in Kapitelüberschriften wie z.B. "Das Fliegen nicht verlernen" (S. 70), "Flügel der Einsamkeit" (S. 97), "Ein Ort voller Flügel" (S. 110) und auch in religiösen Bezügen vermischt mit tatsächlichem naturwissenschaftlichem Wissen über Tauben: "Tauben kehren immer zu ihrem Partner zurück. Es liegt in ihrer Natur. Nach all der Zeit auf der Arche war die Taube dort längst zu Hause. Es kann nicht sein, dass sie nicht zurückkam. Nur der Tod oder eine Naturkatastrophe können eine Taube davon abhalten, zu ihrem Partner zurückzukehren." (S. 155)
Es ist eine große Kunst, auf nur etwa 200 Seiten, eingeteilt in kurze Kapitel, und aus einer kindlichen Perspektive, noch dazu nicht in der eigenen Muttersprache, so treffsicher, poetisch und anschaulich anhand vieler kleiner Alltagserlebnisse der Menschen spürbar zu machen, was es bedeutet, wenn totalitäre Herrschaft immer mehr in den Alltag der Menschen eindringt, und diese aber dennoch an der Hoffnung auf Freiheit und an ihrem Humor festhalten.
Hier handelt es sich um ein ganz besonderes Buch, das schnell gelesen ist - auch wenn es sich oft lohnt, innerhalb der kurzen Kapitel kurz innezuhalten und die Worte wirken zu lassen - und lange nachhallt, weil es gerade dadurch, dass es kein überschüssiges Wort enthält, treffsicher die Beklemmung autoritärer Herrschaft im Leben der Menschen spürbar macht. Es wird mir sicher noch lange speziell emotional nicht nur im Kopf, sondern vor allem im Herzen bleiben, und aus diesem spreche ich eine Leseempfehlung für alle mitfühlenden und an den Geschehnissen in der Welt interessierten Menschen aus.