Wenn Freiheit leise verschwindet

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Auch in seinem neuen Roman „Der letzte Sommer der Tauben“ nimmt uns Abbas Kider wieder mit in den nahen Osten, in ein unbenanntes Land, in dem gerade die Mudschahedin das Kalifat ausgerufen haben.

Noah führt mit seinen Eltern und der schwangeren Schwester Suad bislang ein unbeschwertes Leben, seine größte Leidenschaft teilt er mit Onkel Ali: das Taubenzüchten. Doch nun wird ihr Leben von Tag zu Tag enger, freudloser, bedrohlicher. Doch soll man sich all dem widerstandslos fügen?

Ganz meisterhaft schafft es Khider, die zunehmende Bedrohung nachzuzeichnen. Mit jeder neuen Anordnung stirbt ein kleiner Teil des bisherigen Lebens und bei alten Freunden weiß man plötzlich nicht mehr, auf welcher Seite sie stehen. Besonders eindringlich sind die leisen Momente des Verlusts: das schrittweise Verstummen von Gewohnheiten, das Misstrauen, das sich zwischen Menschen schiebt, und die Angst, die selbst in den eigenen vier Wänden nicht mehr weicht. Und auch das kommt immer wieder zur Sprache: ganz so einfach ist das mit DEM Guten und DEM Bösen, der einen und der anderen Seite nicht.

„Der letzte Sommer der Tauben“ ist ein stiller, eindringlicher Roman über das langsame Verschwinden von Freiheit, über Moral in unmoralischen Zeiten und über die Frage, wie viel Anpassung ein Mensch ertragen kann, ohne sich selbst zu verlieren. Abbas Khider gelingt es einmal mehr, politische Realität greifbar zu machen, ohne einfache Antworten zu liefern. Stattdessen hinterlässt das Buch ein Gefühl von Beklemmung – und den Wunsch, genauer hinzusehen, bevor Urteile gefällt werden. Ein nachhallender, wichtiger Roman und angesichts der politischen Entwicklungen auch bei uns brandaktuell.